„Durch das Boxen konnte ich mir Schuhe leisten“

Yoan Pablo Hernandez ist kubanischer Boxer und amtierender IBF-Weltmeister im Cruisergewicht. Im Interview mit der SportSirene spricht er über seine Kindheit auf Kuba, seine Flucht 2005 beim Chemiepokal in Halle an der Saale und sein Verständnis von Freiheit.

(Bild: Wende)

Herr Hernandez, wie gefällt Ihnen Berlin?

Berlin finde ich gut, es ist viel los, es passiert viel – tagsüber und auch am Abend. Aber es wirkt immer ein bisschen gestresst.

Sie wurden 1984 in Kuba geboren. Wie sind Sie aufgewachsen?

Als Kind war es schwer, ich hatte nicht einmal Schuhe, um in die Schule zu gehen. Es brachte meine Mutter auf die Palme, weil ich deshalb manchmal nicht zur Schule ging. Als es dann mit dem Boxen losging, konnte ich mir dann auch Schuhe leisten. Als der Erfolg kam, hat das Leben eine andere Richtung bekommen.

Wann haben Sie mit dem Boxen begonnen?

Ich habe mit zehn Jahren angefangen, das war also 1994.

Warum haben Sie sich für die Sportart Boxen entschieden?

Eigentlich wollte ich gar nicht Boxer werden. Meine Mutter wollte, dass ich Volleyballer werde. Aber ich war nicht talentiert. Ich sollte deshalb die Sportschule verlassen. Und dann hat ein Box-Trainer mit mir sein Glück versucht. Ich wollte nicht, aber er hat mich motiviert und überzeugt. Er konnte wirklich gut reden. Und letztlich bin ich dabei geblieben. Nur wenig später habe ich dann schon die ersten Medaillen gewonnen.

Wie hat sich Ihre Karriere als Amateurboxer entwickelt?

Es war sehr hart. Wir mussten auch als Junioren schon mit den Senioren trainieren. Deswegen sagt man, dass die Kubaner eine gute Schule hinter sich haben. Da gab es wirklich eine sehr große Konkurrenz – man hat immer mit irgendwelchen Leistungsträgern, Weltmeistern, Olympiasiegern trainiert. Das hat mir sehr geholfen, nach vorn zu kommen.

Bei den Olympischen Sommerspielen in Athen 2004 waren Sie Teilnehmer im Halbschwergewicht. War dies Ihr erster Aufenthalt in Europa?

Nein, ich war auch schon vorher in Europa, zum Beispiel in Deutschland und Frankreich. Wir haben uns in vielen Teilen Europas vorbereitet oder Turniere bestritten.

(Bild: Wende)

Haben Sie schon damals über eine Flucht nachgedacht?

Ich hatte mir schon Gedanken darüber gemacht. Aber ich war noch nicht fest entschlossen. Erst als ich einen richtigen Plan hatte, habe ich den Schritt gewagt.

2005 waren Sie als Mitglied der kubanischen Amateur-Nationalmannschaft beim Chemiepokal in Halle an der Saale. Sie haben dort den Kampf gegen Alexander Powernow verloren. Was ist im Anschluss passiert?

Nach dem Kampf bin ich ins Hotel, ins Zimmer gegangen, habe geduscht. Alle saßen unten in der Lobby und dann habe ich mich aus dem Staub gemacht, aus dem Maritim Hotel in Halle an der Saale.

Was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu tun?

Es waren die Schwierigkeiten, die ich zuvor in meiner Heimat hatte. Es waren einfach die sozialen Verhältnisse. Unser Haus, in dem wir lebten, fiel quasi zusammen. Ich hatte es einfach satt, weil sich nichts tat und niemand half.

Wurde Ihnen bei der Flucht geholfen?

Ja, schon. Jemand hat mir zunächst Unterschlupf gewährt, bis ich auf die Beine gekommen bin.

Hatten Sie Angst, dass Ihre Flucht entdeckt und somit verhindert werden könnte?

Ja, natürlich! Wenn man das herausbekommen hätte, dann hätte ich nie wieder ausreisen dürfen. Zum Glück ging alles gut.

Wann hat Ihre Familie von Ihrer Flucht erfahren und wie haben Angehörige und Freunde reagiert?

Erst nach der Flucht. Als das Team nach Kuba zurückkehrte, war ich nicht dabei. Jemand aus dem Team hat dann bei meiner Mutter angerufen und sie informiert. Ich selbst habe erst ein paar Tage danach mit ihr telefoniert.

Sie sind Kubaner, können aber als Flüchtling unter der jetzigen politischen Situation in Kuba wahrscheinlich nicht zurück in Ihre Heimat. Was würde passieren, wenn Sie jetzt zurück nach Kuba gehen würden?

Ich könnte ein Ticket kaufen und nach Havanna fliegen. Aber ich denke, sie würden mich zurückschicken und nicht reinlassen.

Sie leben mit Ihrer Frau in Berlin. Ist es so, wie Sie sich Ihr Leben in Deutschland vor der Flucht vorgestellt haben?

Am Anfang hatte ich nicht den Gedanken, eine Familie zu gründen. Doch jetzt bin ich froh darüber und sehr glücklich.

Fühlen Sie sich in Deutschland freier als in Kuba?

Einigermaßen. Aber als Sportler hat man viel zu wenig Zeit, um das zu nutzen.

Gab es Momente nach Ihrer Flucht, in denen Sie gedacht haben: „Hätte ich es doch bloß nicht getan!“?

Nein. Ich habe das nicht bereut. Aber es hat mir wehgetan, dass ich den Rest der Familie lange nicht sehen konnte. Aber im letzten Jahr durfte mich meine Mutter endlich besuchen.

Sie haben sofort bei Sauerland Boxpromotions einen Vertrag erhalten. War es Ihnen im Vorhinein klar, dass Sie in Deutschland als Boxprofi arbeiten können?

Ja.

Hatten Sie nach Ihrer Flucht Schwierigkeiten, in Deutschland Fuß zu fassen?

Die Sprache war zunächst schwer für mich. Ich brauchte immer einen Übersetzer. Aber als ich in der Lage war, alles selbst zu verstehen und zu begreifen, wurde es besser.

Sie sind nicht der einzige kubanische Boxer, der nach Deutschland geflohen ist. Haben Sie Kontakt zu anderen kubanischen Boxern wie Oliander Solis?

Als er in Deutschland war, haben wir uns getroffen. Aber jetzt ist er in den USA und wir haben eigentlich nichts mehr miteinander zu tun.

Was ist für Sie Freiheit? Hat sich die Bedeutung von Freiheit nach der Flucht für Sie verändert?

Freiheit hat viele Bedeutungen. Für mich ist Freiheit, wenn man sich alle Wünsche nach seinem Geschmack erfüllen kann und dabei positive Ziele verfolgt. Aber die totale Freiheit wäre eben auch nicht gut. Es muss schon ein paar Einschränkungen geben.

Was bedeutet der IBF-Weltmeistertitel für Sie? War es die Bestätigung für Sie, dass die Flucht der richtige Schritt war?

Ja, unbedingt. Die Menschen in Kuba können so sehen, was möglich ist.

Was sind Ihre weiteren Karriereziele als Profi-Boxer? Wollen Sie wie Evender Holyfield 1988 alle drei großen Box-Titel erlangen?

Das wäre eine große Sache. Dafür muss man alles opfern. Dafür muss man auf alles achten. Es gehört viel dazu. Aber zuerst muss ich meinen Titel verteidigen. Später kann man sich dann darüber Gedanken machen.

Wäre es möglich, dass Sie wieder  in die Schwergewichtsklasse wechseln?

Ich konzentriere mich im Moment auf das Cruisergewicht. Da will ich erst einmal alles meistern.

Wäre es für Sie ein Traum, einmal gegen einen der Klitschko-Brüder zu kämpfen?

Das wäre eine Illusion, es würde für mich keinen Sinn machen.

Wie geht es für Sie abgesehen vom Sport weiter? Wollen Sie in Berlin bleiben?

Nach der Karriere kann ich mir vorstellen, vielleicht in ein Land mit mehr Sonne zu gehen. Denn die vermisse ich schon ein bisschen.

Florian von Stackelberg

(Bild: Wende)

Email this to someoneShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Share on TumblrPin on PinterestShare on Reddit

Schreibe einen Kommentar