No Money, no Pony – Sportlicher Erfolg nur mit dem nötigen Kleingeld

Reiten und Segeln kann heutzutage jeder. Doch wer erfolgreich sein will, braucht reiche Eltern.

Grenzen überwinden durch den Sport, damit wird oft geworben. Der Deutsche Fußball-Bund macht dies zum Beispiel beim Thema Integration. Der Sport scheint immer und überall Grenzen aller Art spielerisch zu überwinden. Gibt es Grenzen, die erst durch den Sport entstehen? Gibt es Sportarten, die nicht für alle Menschen praktizierbar sind? Selbstverständlich. Die finanziellen Möglichkeiten setzen ganz klar Grenzen.

Lisette Ahrens freut sich bei der Siegerehrung der WUEC 2012 in Aachen über ihren Medaillenerfolg.

Lisette Ahrens freut sich bei der Siegerehrung der WUEC 2012 in Aachen über ihren Medaillenerfolg.

Auf die Frage, was sich ein Mädchen zwischen fünf und 15 Jahren zum Geburtstag wünscht, hören viele Eltern die Antwort: „Ich will ein Pony!“. Mit dem Geschenkwunsch einher geht der Wunsch die Sportart Reiten auszuüben. Lisette Ahrens ist die derzeit erfolgreichste Studentenreiterin Deutschlands. Bei den World University Equestrian Championships, den Weltmeisterschaften der Studentenreiterei 2012 in Aachen, holte sie zwei Goldmedaillen und einmal Bronze. Den finanziellen Aufwand, mit dem man rechnen muss, wenn man Reiten in irgendeiner Form betreiben will, lassen sich ihrer Meinung nach schwer abgrenzen: Die Boxenmiete kostet zwischen 280 und 400 Euro, dazu kommen ungefähr 100 Euro für den Schmied alle sechs Wochen. Gegebenenfalls kommen Kosten für den Tierarzt, Zusatzfutter, Ausrüstung usw. hinzu. Außerdem sind die Startgelder auf den Turnieren nicht zu vergessen. Bei einer internationalen Prüfung, bei der das Pferd vor Ort untergebracht wird, können das schnell mehrere hundert Euro sein.“

Und das sind nur die laufenden Kosten. Will man an einem Reitturnier teilnehmen, muss man zuvor „Reitabzeichen“ ablegen. Die Kosten dafür variieren zwischen 40 und 60 Euro für die Prüfung. Dazu kommen 200 bis 400 Euro für einen Vorbereitungslehrgang, der in der Regel zwei Wochen dauert. Bei diesem finanziellen Aufwand neigt man dazu zu denken, dass Reiten nur wohlhabenden Menschen vorbehalten ist und von einem Studenten ohne finanzielle Unterstützung nicht ausgeübt werden kann. Laut Ahrens stimmt das jedoch nur bedingt: „Möchte man einfach nur reiten, dann ist die Sportart für jedermann finanzierbar, denn dafür ist kein eigenes Pferd notwendig. Es gibt oftmals die Möglichkeit, bei Freunden oder Bekannten ein Pferd mit zu reiten. Möchte man allerdings erfolgreich im Turniersport reiten, so ist dies nur mit Unterstützung möglich.“

Lisette Ahrens reitet eine Dressurprüfung bei den Studierenden-Weltmeisterschaften 2012 in Aachen.

Lisette Ahrens reitet eine Dressurprüfung bei den Studierenden-Weltmeisterschaften 2012 in Aachen.

Vor allem in Anbetracht dessen, dass man mit einem eigenen Pferd oftmals einen Wettbewerbsvorteil hat, wie Lisette Ahrens berichtet. Ohne genügend Geld kann man sich jedoch kein Pferd leisten, no money – no pony eben. Und je teurer das Pferd, desto höher die Chance auf eine gute Wertung. Das derzeit erfolgreichste Dressur-Pferd ist gleichzeitig das Teuerste. Totilas, so der Name des Klassenprimus, hat einen Wert von 15 Millionen Euro.

Wie kommt man nun also dazu, einen derart kostspieligen Sport zu betreiben? Ähnlich wie Lisette Ahrens kommen wohl die meisten über die Familie, die zumindest in den jungen Jahren auch den finanziellen Aufwand trägt, zum Reitsport. „Meine ganze Familie ist der Reiterei zugeneigt, so dass ich schon als kleines Kind, bevor ich überhaupt richtig laufen konnte, auf dem Pferd gesessen habe. Bei meinen Geschwistern habe ich auf den Turnieren immer zugeschaut. Es war für mich von Anfang an klar, dass ich das gleiche später auch machen möchte“, erzählt Ahrens.

Reiten ist nicht die einzige Sportart, bei der finanzielle Grenzen existieren. Auch Segeln fällt unter diese Kategorie.Christian Blumhardt betont jedoch, dass man auch diese Sportart ohne größeren finanziellen Aufwand betreiben kann: „Wer segeln will, ist herzlich willkommen in jedem Verein und kann sich für einen Mitgliedsbeitrag von ungefähr 50 Euro anmelden, die Boote benutzen und zum Spaß segeln. Man kann auch gerne mit einem Selbstkostenanteil an Regatten teilnehmen. Aber: Wer erfolgreich segeln will, braucht reiche Eltern.“

Christian Blumhardt segelt bei schönem Wetter auf dem Comer See.

Christian Blumhardt segelt bei schönem Wetter auf dem Comer See.

Er betont, dass sich ähnlich wie beim Reiten die Kosten zu Beginn noch in Grenzen halten und für Hobbysportler erschwinglich sind: „Ich habe mit einem kleinen Boot und geringem Kostenaufwand angefangen zu segeln. Der Verein hat sogar die Boote gekauft. Nachdem ich in Baden-Württemberg recht erfolgreich mitsegelte, bin ich auf ein Zweimannboot umgestiegen. Mit einem Freund habe ich dann angefangen hauptsächlich am Bodensee Regatten zu segeln. Mein Partner und ich hatten sogar die Chance auf ein Landeskadertraining. Der Haken daran ist, dass es einem wirklich viel Wert sein muss, unter der Woche für ein Training an den Bodensee und wieder zurück zu fahren, und das neben der Schule.“

Doch auch Christian Blumhardt gibt zu, dass ein ordentliches Budget nötig ist, wenn man im Wettkampf erfolgreich segeln will: „Will man vorne mitsegeln, braucht man einen Satz Segel pro Jahr, weil sich die Segel abnutzen und man dadurch an Geschwindigkeit einbüßt. Die Kosten liegen bei etwa 1500 Euro. Dazu kommt die Vermessung, das ist sozusagen der TÜV, die Labels auf den Segeln usw.“

Blumhardt beschreibt, dass die exakten Kosten schwer zu beziffern sind und je nach Athlet variieren. An seiner beispielhaften Beschreibung merkt man, dass die Strukturen der Saisonplanung, alleine aus logistischen Gründen, relativ kostspielig sind: „Die Saison fängt Ende Februar mit einem schönen Trainingslager am Mittelmeer oder am Comer See an. Die Kosten nur für das Training selbst betragen ungefähr 150 Euro. Dazu kommen die Verpflegung, die Unterkunft und die Anfahrt. Ende März bis Oktober gehen die Regatten an den Wochenenden los. Hier muss man die Kosten für die Startgebühr, die Anfahrt, die Unterkunft und die Verpflegung rechnen. Diese variieren, abhängig davon, welchen Standard man haben möchte. Außerdem braucht man Ausrüstung. Natürlich nicht jährlich, aber alle zwei bis drei Jahre.“ Das sind die Kosten, die auf jeden Fall anfallen. Nach oben hin seien keine Grenzen gesetzt, sagt Christian Blumhardt: „Die Segler mit reichen Eltern haben alle zwei Jahre einen nagelneuen Rumpf und vieles mehr, hierfür liegen die Kosten bei mindestens 6000 Euro.“

Blumhardt im Trainingslager 2007.

Blumhardt im Trainingslager 2007.

Ohne die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten ist es also nicht möglich, wettkampfmäßig erfolgreich zu reiten oder zu segeln. Ähnlich kostenintensiv sind auch Motorsport oder Skifahren. Bringt man das nötige Kleingeld mit, kann man sich mit mehr Kapital einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Mit einem perfekt ausgebildeten Pferd lassen sich Dressurprüfungen leichter absolvieren als mit einem selbst dressierten Ackergaul. Mit einem Boot, ausgestattet mit neusten Segeln und dynamischem Rumpf, sticht man schneller durch die Gewässer als mit einer kostengünstigen Nussschale.

Trotzdem gilt, dass fehlendes Geld heutzutage kein Hinderungsgrund mehr ist, elitäre Sportarten wie Reiten oder Segeln zu betreiben. Eine Grenze bleibt jedoch. Denn will man den Sport wettkampfmäßig ausüben und dabei erfolgreich sein, so ist dies für Menschen ohne Einkommen, wie zum Beispiel Studenten, ohne finanzielle Unterstützung nicht möglich und bleibt weiterhin Menschen vorbehalten, die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammen – je höher das Kapital, desto größer die Chance auf Erfolg.

Simon Kirchgeßner

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