Winterzeit: mit dem Hundeschlitten durch den Neuschnee

Lautes Heulen durchbricht die winterliche Stille auf den Langlaufloipen der österreichischen Gemeinde Schoppernau im Bregenzerwald. Die Begeisterung der zwölf Siberian Huskys ist groß, denn das lange Warten auf den ersten Schnee hat endlich ein Ende. Bis ins neue Jahr hinein hat es gedauert, doch in der Nacht auf den ersten Donnerstag im Januar schneite es beinahe einen halben Meter in dicken Flocken. Jetzt ist die Vorfreude auf Bewegung bei den ausdauerstarken Vierbeinern spürbar – unruhig springen sie übereinander und warten auf das Kommando ihres Mushers. So wird der Schlittenhundeführer, der sein Gespann durch laute Zurufe lenkt, in der Fachsprache genannt.

Das vereiste Nummernschild an van Landeghems Transporter zeigt die Begeisterung für seine Vierbeiner (Bild: Lea Nagel)

Diese Aufgabe kommt bei den Touren mit dem Husky-Gespann, die Marc van Landeghem am Diedamskopf anbietet, den Teilnehmern selbst zu. Jeder Einzelne ist hier auf einem eigenen Schlitten unterwegs. Bevor die Fahrt durch das endlich schneebedeckte Tal jedoch losgeht, müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden. Van Landeghem, der 1990 aus Belgien nach Österreich kam, lädt die Schlitten vom Dach seines blaugrünen Transporters. Das Wort „Husky“ ist sogar auf dessen vereistem Nummernschild zu lesen.

Ayko, einer der Leithunde und Chef des Rudels, beobachtet indes vom Beifahrersitz aus konzentriert das Geschehen. Seine eisblauen Augen blicken wachsam durch die Windschutzscheibe. Der Belgier öffnet ihm die Türe, nachdem er alle anderen Hunde angeleint hat und Ayko stimmt sofort in ihr Geheul mit ein. Für ihn, wie für den Rest der Gruppe, ist es die erste Fahrt in diesem Winter. Zehn Touren hatte van Landeghem aufgrund des fehlenden Schnees schon absagen müssen.

Van Landeghem erklärt, wie die Geschirre angelegt werden – dann dürfen es die Teilnehmer ausprobieren (Bild: Lea Nagel)

„Zum Glück bin ich finanziell unabhängig und nicht zwingend auf die Einnahmen durch die Touren angewiesen“, sagt er. Das Geld, das er durch die Fahrten verdient, reinvestiert er zum großen Teil in seine Huskys, denn deren Haltung ist kein billiges Hobby. Futter, Schlitten, Geschirre – die Liste ist lang.

Letztere müssen den Huskys nun angelegt werden. Im Anschluss teilt van Landeghem die Gespanne ein, mit drei Schlitten sind wir unterwegs. Je nach Gewicht und Erfahrung werden jedem Musher vier Hunde zuwiesen, bei achtzehn bis zwanzig Hunden liegt die Obergrenze bei langen Touren mit viel Gepäck. Im Doppelgespann, bei dem die Huskys paarweise rechts und links einer Zentralleine laufen, jeweils mit von der Partie: Ein Leithund, der mit dem Schlittenhundeführer arbeitet, ihm vertraut und seine Kommandos umsetzt. Zwei Jahre ist der jüngste von van Landeghems Huskys alt, Ayko ist mit zehn Jahren einer der ältesten. Nachdem der Musher die Vierbeiner angespannt und Schlitten, Bremse, Verankerung und die wichtigsten Kommandos erklärt hat, kann es endlich losgehen.

Das „Go“, das die Hunde zum Loslaufen auffordert, ist für die wartende Meute überflüssig – kaum ist die Bremse gelockert, gibt es kein Halten mehr – der Bewegungsdrang ist ihnen angeboren.

Husky-Dame Maya hat das Geschehen im Blick (Bild: Lea Nagel)

In früheren Jahren hat van Landeghem die ersten Schneefälle abgewartet, damit der frische Schnee angedrückt und gewalzt werden kann. Der tiefe Neuschnee bedeutet für die Vierbeiner zusätzliche Anstrengung, diese macht sich auf der Fahrt durch die malerische Bergwelt nach und nach bemerkbar. Eine neue Bestzeit werden Ayko, Jenna, Maya und Co. auf diesem Trail nicht aufstellen. Bei der Tour geht es jedoch weniger um das höchstmögliche Tempo als um das Erlebnis in der Natur. Können die Hunde den Schlitten nicht ausreichend beschleunigen, um beispielsweise Steigungen zu überwinden, ist es Aufgabe des Mushers, sie zu unterstützen: Er steht nur noch auf einer der beiden Metallkufen des Schlittens, mit dem anderen Bein schiebt er das Gespann immer wieder an. Sinkt der Schlitten zu tief in den Schnee, läuft er zwischen den Kufen, um den Schlitten zu beschleunigen.

Das ist insbesondere in schneereichen Regionen notwendig. Als Fortbewegungs- und Transportmittel sind Hundeschlitten vor allem in der Polarregion verbreitet, denn sie sind sehr zuverlässig, was die Beförderung von Material bei sehr niedrigen Temperaturen anbelangt. 1925 hatten in Alaska 20 Hundeschlitten in nur fünfeinhalb Tagen mehr als tausend Kilometer

Bergauf drückt sich der Musher vom Boden ab, um sein Gespann zu unterstützen und den Schlitten zu beschleunigen (Bild: Lea Nagel)

zurückgelegt, um ein Immunserum gegen Diphterie in die eingeschneite und von zugefrorenem Meer umgebene Stadt Nome zu bringen, in der eine Epidemie ausgebrochen war. In ganz Amerika berichteten Zeitungen und Radiosender über den Transport, bei dem Temperaturen von bis zu -60 Grad Celsius herrschten. Noch heute erinnert die Statue von Balto, einem der Leithunde, im New Yorker Central Park an die Musher und ihre Gespanne. Auch das Iditarod, das längste und härteste Hundeschlittenrennen der Welt, findet seit 1973 jedes Jahr auf einem Teil dieser Strecke statt.

In Europa hielt der Hundeschlittensport erst in den 1980er Jahren Einzug. Seitdem wird er immer beliebter, Schlittenhunderennen und Abenteuerurlaube in Lappland, Kanada oder Alaska locken Touristen. Auch in den Bregenzerwald: Nebenan in Mellau gibt es geführte Touren und Schneeschuhwanderungen mit den Hunden. Im Kleinwalsertal wird für Interessierte ein Husky-Camp mit mehrstündigem Programm angeboten, im Brandnertal organisiert Husky-

Je vier Hunde ziehen einen Schlitten (Bild: Lea Nagel)

Toni für Kinder ab acht Jahren eine Schlittenhundefahrschule mit Prüfung und Führerschein. Es geht aber auch ohne Schnee: Bis in die 1950er Jahre waren auch Hundeschlitten an der Nordseeküste im Wattenmeer unterwegs, um dort Fischernetze aus dem Wasser zu ziehen.

Liegt in Schoppernau kein Schnee, muss sich Marc van Landeghem etwas anderes einfallen lassen, um das Rudel auf den Winter und die Schlittensaison vorzubereiten. Im Oktober startet das Trockentraining. „Da nutzen wir eine Konstruktion aus einem Mountainbike und einer Art Schlitten, an dem wir auch ähnliche Räder befestigen“, erklärt er. Dass sich die Mühe gelohnt hat, zeigt sich jetzt: Etwa eineinhalb Stunden dauert die Ausfahrt bis in die Nachbargemeinde nach Au und zurück. Es geht bergauf und bergab, während der Schneefall nach und nach weniger wird. Als wir wieder am Ausgangspunkt ankommen, ist das Bild ein anderes als noch am Morgen: Kaum ein Laut ist von den Huskys zu hören, die erschöpft, aber scheinbar zufrieden auf ihre wohlverdiente Belohnung warten. Zeit zum Durchschnaufen, denn schon morgen startet die nächste Tour.

Lea Nagel

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