Außenseiter in Teilzeit – Ein Blick auf die Rolle des Kickers beim American Football

Das Leben als Kicker beim American Football ist nicht leicht. Stell dir Folgendes vor: Du bist kleiner und schmächtiger als alle anderen. Im Training lassen dich die großen Jungs nicht mitspielen. Alle deine Mitspieler verdienen mehr als du. Du schlägst die Zeitung auf und liest ein Zitat von Brain Billick: „Kicker sind keine Football-Spieler“, urteilt der ehemalige Headcoach der Baltimore Ravens. Nach dieser verbalen Ohrfeige musst du dich ablenken. Du schaust dir im Fernsehen deine Lieblingsserie an, Blue Mountain State. Der Coach einer fiktiven College-Footballmannschaft, Marty Daniels, hat gerade einen seiner berühmten Wutausbrüche, die du immer so lustig findest. Über was er sich wohl dieses Mal aufregt? „Ich würde gerne in der Zeit zurückreisen und demjenigen, der entschieden hat, dass Kicker zum Football gehören, eine reinhauen“, wütet Daniels. Was für ein gebrauchter Tag.

Tobias Goebel kickt bereits seit acht Jahren für den Rekordmeister der GFL, die New Yorker Lions aus Braunschweig.
Bild: Fabian Uebe/New Yorker Lions

Kicker beim American Football sind quasi Teilzeitarbeiter. Sie verbringen die meiste Zeit während eines Spiels auf der Bank. Nur bei bestimmten Spielsituationen dürfen sie auf das Feld. Ein solcher Moment ist zum einen der Extrapunkt: Nach einem erzielten Touchdown hat die erfolgreiche Mannschaft unter anderem die Möglichkeit, mit einem Kick aus etwa 33 Yards durch die beiden Torstangen einen weiteren Punkt (ein Touchdown gibt sechs Punkte) zu erhalten. Der Versuch, den Football durch das Gestänge zu schießen, kann auch ohne einen vorausgegangen Touchdown erfolgen; man spricht dann von einem „Field Goal“, das dem Kicker und seinem Team drei Punkte beschert. In manchen Teams ist der Kicker auch für den Kickoff, also den Anstoß zu Beginn jeder Spielhälfte, nach einem Touchdown oder nach einem Field Goal verantwortlich.

Das Anforderungsprofil für diese Position unterscheidet sich von dem anderer Positionen auf dem Feld: Kicker erledigen ihre Aufgabe in der Regel ohne Körperkontakt zu anderen Spielern und benötigen deshalb nicht den für Footballer typischen, massigen Körperbau. Entscheidend bei diesen Spielern sind vor allem ein immer wieder einstudierter, sich wiederholender Bewegungsablauf beim Kick – und Nervenstärke. Bei jedem Einsatz gilt es, die tobenden Zuschauermassen, die anstürmenden, meist sehr kräftigen Defensivspieler der gegnerischen Mannschaft, die Erwartungshaltung der Mitspieler und die mögliche Tragweite eines Fehlschusses auszublenden und das Ei durch die Stangen zu treten.

In Deutschland stecken American Football und damit auch seine Kicker im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen. „Die Rolle der Kicker in Footballdeutschland ist leider noch nicht so populär, als dass jedes Team einen speziellen Kicker hätte. Bei uns kickt der mit dem besten Fuß“, erklärt Pablo Börsch, Offense Lineman der Stuttgart Scorpions, die in der German Football League 1 (GFL) und damit in der obersten Liga in Deutschland spielen. Sven Diether, der früher selbst als Kicker tätig war und nun Headcoach des Oberligisten Red Knights Tübingen ist, testet beispielsweise vor jeder Saison alle Spieler in der Rolle des Kickers, am liebsten hätte er jedoch einen Spezialisten: „Wer sich im American Football auskennt weiß, wie wichtig Kicker sind“, erklärt er.

Marin Dominikovic von den Red Knights Tübingen spielt eigentlich Linebacker, hat aber auch das beste Füßchen beim Oberligisten.
Bild: Schittenhelm

„Trotzdem könnte ich spontan nur einen oder zwei Kicker aus der NFL mit Namen benennen; das zeigt, dass die Kicker in der Außendarstellung ein wenig untergehen.“ Den Druck, der auf den Schultern eines Kickers bei einem entscheidenden Field Goal oder Extrapunkt lastet, vergleicht Diether mit dem des Schützen beim Fußball-Elfmeterschießen. Mit einem entscheidenden Unterschied. Seiner Meinung nach „kann ein Kicker selbst bei einem Fehlschuss kurz vor Schluss niemals ein Spiel alleine verlieren, da die Offense und die Defense effektiv viel länger Zeit haben, Einfluss auf den Ausgang der Partie zu nehmen.“

Der Weg vom Fußballspieler zum Kicker beim American Football ist nicht sehr weit. Das dachten sich auch Manfred Burgsmüller, Axel Kruse und Horst Mühlmann (spielte sogar in der amerikanischen Profiliga NFL), die alle nach ihrer aktiven Karriere als Fußball-Bundesligaspieler auf Extrapunkt- und Field Goal-Jagd gingen. Eine andere Reihenfolge wählte der Brasilianer Cairo Santos: Sein Traum war es, Profifußballer zu werden. Bei einem Austauschprogramm mit einer Highschool in Florida wurde er schließlich entdeckt – allerdings von der Footballmannschaft der Schule. Heute spielt er bei den Kansas City Chiefs in der NFL und hat allein im November 2016 zwei Spiele durch späte Field Goals entschieden.

Auch einer der wenigen Spezialisten für Field Goals und Extrapunkten in der GFL, Tobias Goebel vom Rekordmeister und amtierenden German Bowl Gewinner New Yorker Lions, kam durch den Fußball zum American Football. „Am Anfang sprachen mich einige Mitspieler nie mit meinem Namen an, sondern immer nur abwertend mit ‚Kicker‘“, erinnert sich Goebel. „Mittlerweile bin ich seit acht Jahren im Team und werde von meinen Mitspielern und den Zuschauern geschätzt. Der Kicker wird jedoch immer noch von einigen Leuten belächelt – meiner Meinung nach zu Unrecht. Beim American Football zählt oft jeder Punkt, trotzdem fallen Spieler auf dieser Position oft nur dann auf, wenn sie einen entscheidenden Kick verfehlt haben.“

Das Ziel eines jeden Kickers: Die Schiedsrichter zeigen an, dass der Extrapunkt oder das Field Goal gültig war.
Bild: Schittenhelm

In der NFL hat jedes Team seinen Spezialisten auf dieser Position. Diese fallen jedoch nur dann auf, wenn sie versagen. Am elften Spieltag der abgelaufenen Saison scheiterten gleich zwölf Extrapunkt-Versuche; so viele wie nie zuvor. Die Minnesota Vikings feuerten ihren Kicker Blair Walsh, der mit 78,9 Prozent die schlechteste Quote bei Extrapunkten aufwies. Auch wenn die Teilzeitarbeiter oft unterschätzt werden, gibt es dennoch Helden unter ihnen: Adam Vinatieri zum Beispiel, aktuell bei den Indianapolis Colts unter Vertrag. Er gilt als einer der besten Kicker der Geschichte und entschied zweimal einen Superbowl (das Finale um den NFL-Titel) mit einem Kick. Oder Matt Prater von den Denver Broncos, der sich 2013 in die Geschichtsbücher eintrug, als er aus 64 Yards das längste Field Goal in der NFL-Geschichte erzielte.

Du behältst einen kühlen Kopf. Die Medien berichten über dich. Die Fans feiern dich. Du erzielst Field Goals aus großen Entfernungen. Du entscheidest über Siege und manchmal sogar Meisterschaften. Vielleicht sollten manche Kritiker mal einen Tag in deinen Schuhen laufen und mit ihnen kicken, damit sie merken, wie schwer ein Leben als Kicker ist.

Marius Faller

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