Fünf Stunden am Abgrund

Manchmal vergeht Zeit ganz langsam. Und manchmal vergeht sie ganz schnell. Dann fühlen sich fünf Stunden an wie eine halbe. Besonders dann, wenn Adrenalin durch den Körper schießt. So auch in den fünf Stunden, die man mit dem Mountainbike braucht um 64 Kilometer zurückzulegen und 3400 Höhenmeter zu überwinden… immer am Abgrund entlang.

Unweit von La Paz, der Hauptstadt Boliviens, schlängelt sich ein schmales Sträßchen die atemberaubenden Berge hinab, das die Anden mit dem tiefen Yungas, dem Urwald, verbindet. Hierher verirren sich kaum noch Einheimische, es sei denn, sie wollen etwas verkaufen oder leben nun einmal hier. Es sind die Touristen, die scharenweise an diesen Ort pilgern, auf der Suche nach einem Abenteuer. Und einem Adrenalinkick. Vielleicht auch nur um erzählen zu können, dass sie überlebt haben. Die Todesstraße, Death Road oder im Spanischen „Camino de la Muerte“ zieht jährlich tausende Touristen an und in ihren Bann. Es ranken sich Sagen darum, wie viele Mountainbiker schon auf dieser Strecke ums Leben gekommen sind. Ob es nun 30 oder weitaus mehr sind, weiß keiner genau.

Mitten in die Berge Boliviens hineingebaut: die Death Road schlängelt sich hinab in den Urwald. Bildrechte: Rike Held

Angeblich sind auch die eigentlich fahrradaffinen Niederländer meistens an den Unfällen beteiligt. Fakt ist, dass die ehemalige Hauptverkehrsroute der Bolivianer unzählige Autofahrer und schon einige Mountainbiker das Leben gekostet hat. Was sie so gefährlich macht und warum sie trotzdem so beliebt ist? In fünf Stunden lässt sich das selbst erfahren.

Stunde 1

In den frühen Morgenstunden treffen sich die mutigen Mountainbiker, um sich der Herausforderung der Death Road zu stellen. Der Ausgangspunkt liegt am La Cumbre Pass auf über 4.600 Meter Höhe. Die Wolken hängen in den Bergen und vor den Augen. Der Wind frischt die eh schon kalte Luft noch einmal mehr auf und man ist froh, dass man über seine Sportklamotten inklusive Regenhose und -jacke nun die Schutzausrüstung anzieht: Schienbeinschoner, Knie- und Ellenbogenschoner, Handschuhe und Motorradhelm. Dann stehen sie da in Reih‘ und Glied, zwölf völlig maskierte Radfahrer. Die vier mitgereisten Guides verteilen die Fahrräder. „Bremsen testen, Luftdruck testen und schaut, dass alles okay ist“, lautet die knappe Anweisung des Guides mit dem typisch bolivianischen Namen Vladimir. Dann stehen alle das erste Mal am Abgrund. Hier, am Ausgangspunkt, bekommt man einen guten Eindruck von der Höhe, die es nun mit dem Downhill Mountainbike zu bewältigen gilt. Aber von dem angepriesenen und anscheinend  tödlichen Abgrund ist noch nichts zu sehen. Vor den Fahrern schlängelt sich eine geteerte Straße die Berge hinunter, die genug Platz für mindestens zwei LKWs bietet. Die einzigen Hindernisse scheinen die Schlaglöcher und die Nässe des trüben Tages zu sein. „Die ersten Kilometer solltet ihr euch an das Rad gewöhnen und vor allem eure Bremsen und euch selbst testen. Nutzt die Gelegenheit euch einzufahren“, kommt die Aufforderung von dem Guide mit dem etwas typischeren Namen Juan. Die knapp 20 Kilometer auf der neu geteerten Straße sind ein Genuss. Es ist zwar nass und die Sicht durch Wolken und Nebel nicht sehr üppig, aber man kann sich ans Mountainbike gewöhnen und es macht Spaß sich mit den anderen Fahrern kleine Rennen zu liefern. Allzu lange hält es aber nicht an und nach ein paar Kurven und einem Tunnel tauchen auf der rechten Seite einige kleine Hütten auf. Der erste Teil ist damit absolviert.

15 Minuten Pause

Pause. Die Fahrräder werden abgestellt und noch einmal Luft in die Reifen nachgefüllt oder kleinere Probleme hier und da behoben. Zwei Cholitas, wie die bolivianischen Frauen in typischer Tracht genannt werden, versorgen alle mit Getränken und kleinen Snacks. Es werden Witze gerissen, wie einfach doch die Death Road zu befahren ist. Die Stimmung ist blendend. Den Guides erscheint sie wohl ein wenig zu übermütig, denn sie drängen darauf weiter zu fahren. Sie wollen uns den Beginn der „echten“ Death Road zeigen.

Stunde 2 und 3

Jedem, der zuvor noch prahlte neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen, vergeht die Lust auf den nächsten Witz schnell. Plötzlich ist es vorbei mit dem Asphalt. Auch stehen keine Leitplanken mehr rechts und links der Straße, die einen schlimmen Sturz verhindern könnten. Stattdessen schlängelt sich ein ungefähr anderthalb Meter breiter Pfad, anders kann man es nicht nennen, den Berg hinab.

Nebel und Pfützen durch Wasserfälle sind nur zwei der Schwierigkeiten, die den Fahrern begegnen. Bildrechte: Rike Held

Die Death Road hat begonnen. Auf der rechten Seite steile Felswand und auf der linken Seite steiler Abgrund. Bis zu 700 Meter geht es senkrecht hinunter. Nichts, was einen im Fall eines Sturzes aufhalten könnte. Hin und wieder stehen Kreuze am Wegesrand. Der Pfad ist mit Geröll übersät und man fragt sich, wie die zwei schmalen Gummireifen unter einem diese überwinden sollen. Viel Zeit zum Überlegen bleibt aber nicht. Juan und Vladimir drängen, sie wollen anscheinend so schnell wie möglich nach unten. Na gut, sie machen das ja auch fast tagtäglich. „Haltet eure Pedale in der waagerechten, damit ihr nicht an den großen Steinen hängen bleibt und einen Salto vorwärts oder den Abgrund hinunter macht“, heißt der gut gemeinte Tipp an die Fahrer. Diese wünschen sich noch viel Erfolg, viel Spaß, je nachdem, nach was ihnen der Sinn gerade steht. Dann wird der Helm aufgesetzt und rauf auf das Mountainbike. Ein Guide fährt voraus, die Teilnehmer folgen, wie an einer Perlenschnur aufgezogen und ein Guide bildet den Abschluss, damit kein langsamerer Fahrer zurückbleibt. Oder um nach einem Sturz zu helfen. Unterstützt wird er von einem Minivan, der der Gruppe folgt. Er verfügt über Verpflegung, Erste Hilfe-Kästen, Ersatzteile, Ersatzräder und Platz für ermüdete oder verunfallte Personen.

Die ersten Meter und Kurven werden ganz vorsichtig gefahren, und die Bremsen sind im Dauereinsatz. Weil so viel Konzentration auf die anspruchsvolle Strecke gefordert ist, bleibt kaum Zeit, um die wunderschöne Landschaft zu bewundern. Der Weg ist durchaus breit genug, um ihn mit dem Rad zu befahren. Sollte jedoch ein Auto entgegenkommen, was durchaus noch passieren kann, dann wird es eng. Zu einer gewissen Verunsicherung sorgt, dass alle angewiesen werden am linken Rand des Weges zu fahren, also direkt am Abgrund entlang. Sollte einem hier das Rad ausbrechen, dann war es das wohl. Aber so lautet nun einmal die offizielle und wohl einzige Verkehrsregel der Death Road: Wer von oben kommt, muss am Abgrund entlangfahren und hat niemals Vorfahrt. So steuert man vor sich hin. Bremsen. Lenken. Bremsen. Immer voll darauf konzentriert, das Mountainbike durch das Labyrinth aus Steinen zu steuern und dabei ja keine falsche Bewegung zu machen.

Der Abgrund an der Strecke ist durchaus tödlich. Bis zu 700 Meter geht es steil nach unten. Bildrechte: Rike Held

Trotzdem werden nach einiger Zeit die meisten mutiger und erhöhen das Tempo. Testen ein wenig die Grenzen aus. Doch unsere Guides bremsen uns aus, halten an. Und erst jetzt bemerkt man, wie viel Schweiß einem den Rücken runter läuft. Und mit der geringen Höhenlage hat sich auch die Umgebung verändert – von schneebedeckten Bergen zu grün bewachsenen Felsen. Auf nur noch gut 3.000 Metern Höhe kommt man dem tropischen Klima immer näher.

Auf dem folgenden Abschnitt kommen zu Pflanzen und Steinen auf dem Weg auch noch Wasserfälle hinzu. „Lasst etwas mehr Abstand, denn die großen Pfützen bremsen euch aus. Schnelle Fahrer und die, die sich mehr trauen zuerst und der Rest folgt“, schreien die Guides, schon wieder halb auf ihren Rädern. Die Gruppe beeilt sich hinterher zu kommen. Schon nach der nächsten Kurve wird klar, was sie meinten und die gesamte Mannschaft bleibt in einer großen Pfütze stecken, die ein Wasserfall auf dem Weg hinterlassen hat und sich über die gesamte Breite ausdehnt. Also absteigen und schieben. Danach wird’s gemütlicher. Zwar werden die Arme immer noch gut durchgeschüttelt von der unruhigen Fahrt auf dem welligen Untergrund, aber unter einem erneuten Wasserfall hindurchzufahren ist für alle eine willkommene Abkühlung. Und nach einer weiteren guten Stunde Fahrt ist schon das nächste Zwischenziel erreicht.

Stunde 4 und 5

Auf den längsten und steilsten Abschnitt der Death Road folgt erst einmal eine längere Pause. Die Arme und vor allem Finger haben diese auch bitter nötig. Das ständige Bremsen geht auf die Muskeln und manche können kaum noch die Finger krümmen. Andere schaffen es mit letztem Einsatz von ihrem Rad abzusteigen. Man glaubt kaum, dass es nur bergab gegangen sein soll, so kaputt wie sich alle fühlen. Dabei ist das Ziel ist noch nicht erreicht. Es liegt noch ein ebenso langes Stück vor den Fahrern. Die gute Nachricht: es geht in ein seichteres Gebiet. Die schlechte Nachricht: es wird staubig und heiß. Das tropische Klima auf mittlerweile niedrigem Niveau von unter 2.000 Metern belastet den Körper, wenn auch auf eine ganz andere Art. Eine erneute Fahrt durch einen Wasserfall kommt da sehr gelegen. Allerdings bleibt auch hier keine Zeit sich der atemberaubenden Landschaft zu widmen, denn immer häufiger kommen uns Fahrzeuge entgegen, wollen den Berg erklimmen. Dann wird es sehr eng. Beim Fahrstil der Bolivianer verwundert es nicht, dass auf dieser Straße schon einige Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Zur Abfahrt bereit: Neben dem Mountainbike gehört Schutzausrüstung sowie Regenkleidung zur Ausstattung der Mountainbiker. Bildrechte: Rike Held

Unachtsames Kurvenfahren und zu hohes Tempo können einen unheilvollen Zusammenstoß mit einem Van oder Truck bedeuten. Beruhigend ist nur, dass die Straße inzwischen bessere Ausweichmöglichkeiten bietet und nicht mehr komplett mit Geröll bedeckt ist. Außerdem gibt es Juan. Sobald er drohende Gefahr erkennt, warnt er uns. „Auch deshalb finden die Death Road Touren früh morgens statt. Wir brauchen nicht nur einige Zeit, sondern können so auch Begegnungen mit Fahrzeugen in den sehr steilen und den engsten Teilen der Strecke vermeiden“, erklärt er uns. In den tieferen Regionen trifft man auf immer mehr Mountainbike-Gruppen. Meist sind wir schneller, setzen zum Überholen an. Täglich fahren bis zu 100 Fahrer die unebene Strecke hinab. Da kann es schon einmal voll werden auf der Straße.

So langsam macht sich nun die physische und psychische Anstrengung bemerkbar. Die Finger können kaum noch die Bremsen halten. Eine kurze Auszeit gibt es für sie, als es über einen sandigen Abschnitt geht. Da werden nur die Beine beansprucht. Ein gelungenes Ganzkörper-Workout.

Im letzten Abschnitt ist es dann so heiß, dass viele sich einiger Lagen der Kleidung entledigen und fast nur noch mit Schutzausrüstung fahren. Nach etwa fünf Stunden liegen die ersehnten letzten Kurven vor uns. Noch einmal geht es durch einen kleinen Bach, an dessen Seite Einheimische sitzen und die Gringos anfeuern. Völlig unerwartet taucht plötzlich das erste Dorf seit knapp 60 Kilometern, mitten im Urwald von Bolivien, auf. Wir haben es geschafft, haben das Ende der Death Road erreicht.

Bei all der Konzentration, die die Strecke fordert, darf der Spaß an dem Abenteuer nicht fehlen. Bildrechte: Rike Held

Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, denn wer sich die Death Road hinunter wagt, durchquert in kurzer Zeit fast alle Klimazonen, die Südamerika zu bieten hat und bekommt eine unglaubliche Aussicht geboten. Das macht die Straße sicher zu einer der schönsten Mountainbike-Strecken, die es gibt. Ob es aber tatsächlich die gefährlichste ist? Sicher gehört sie nicht zu den anspruchsvollsten Strecken. Ganz unsportlich und untrainiert mit dem Mountainbike darf man aber auf keinen Fall sein. Denn ist man nicht permanent hoch konzentriert, kann die Strecke tatsächlich sehr gefährlich werden. Dann sind fünf Stunden ganz schnell vorbei.

Rike Held

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