Eiszeit: Das vierte Drittel

Das Licht geht aus in der Kölner Lanxess Arena. Die Fans der Kölner Haie zünden Wunderkerzen an und strecken ihre Arme zur Hallendecke. Die ganze Halle wird in einen funkelnden Schimmer getaucht. Parallel dazu ertönt die Hymne der Kölner Haie mit dem Titel „Wir sind Haie“. Die Fans grölen die Hymne mit. Gänsehautatmosphäre pur.

Aus den Lautsprechern kommen dankende Worte von Sportdirektor Mark Mahon: „Die Haie möchten sich für die unfassbare Fan-Unterstützung in dieser Spielzeit bedanken! Sowohl auf eigenem Eis als auch auswärts standen die KEC-Fans immer zu den Haien und sorgten bis zuletzt immer wieder für Gänsehautmomente. Vielen Dank!“ Damit konnte das letzte Spiel der Saison beginnen. Doch der Reihe nach.

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Dienstag, 21. März 2017. Spiel sieben der Best-of-Seven-Viertelfinalserie der Playoffs in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zwischen den Kölner Haien und den Grizzlys Wolfsburg vor 15.672 Zuschauern in der fast ausverkauften Kölner Lanxess Arena steht an. Win or Go Home würde der US-Amerikaner sagen. Entscheidungsspiel. Verlieren verboten!

Schon drei Stunden vor Spielbeginn treffen sich die Fans der Kölner Haie im „Henkelmännchen“, der Kneipe direkt an der Arena. Es wird zusammen Kölsch getrunken, gelacht und Lieder der Kölner Haie gesungen. Es ist ein Ritual. Hier treffen sich vor jedem Heimspiel die Anhänger und bereiten sich zusammen auf das Spiel vor. „Wir freuen uns immer auf die Spiele der Haie, denn dann haben wir eine gute Stimmung in unserer Kneipe und verkaufen auch das ein oder andere Bier mehr“, witzelt Stefan Löcher, der Geschäftsführer der Kneipe. Eine Stunde vor Spielbeginn brechen die Fans Richtung Arena auf. Nach ein paar Bier wird draußen das ein oder andere Lied deutlich lauter gegrölt als zuvor. In der Arena wird der eigene Stehplatz im Fanblock mit Schals besetzt.

Die Spieler der Haie betreten das Eis. Der Geräuschpegel schwillt an. Die Fans empfangen jeden Akteur lautstark mit Anfeuerungsrufen. „Ich habe schon seit zehn Jahren eine Dauerkarte und freue mich auf jedes einzelne Spiel wie ein Kind“, sagt mein Nebenmann. Natürlich trägt er ein Haie-Trikot. Der Typ auf der anderen Seite grölt infernalisch laut. „Ich finde es Klasse, dass man sich vor jedem Heimspiel in der Kneipe trifft“, beschreibt er dieses einmalige Prozedere, „man lernt viele Menschen kennen und hat mit allen etwas gemeinsam – die Liebe zu dieser Mannschaft!“

15 Minuten vor Spielbeginn gehen in der Arena der Kölner Haie die Lichter aus. Mit Wunderkerzen und lautem Geschrei wird die „Haie-Hymne“ gesungen. Es folgt eine Lichtshow, die auf das Eis projiziert wird. Gänsehaut. Anschließend wird die Mannschaft unter tosendem Applaus vorgestellt. Jeder Spieler wird von einem Lichtkegel angestrahlt aufs Eis begleitet. Die Lichter gehen wieder an und der Fünf-Minuten-Countdown bis zum Spiel beginnt. In der Zeit stehen die Kölner Fans zusammen und hüpfen gemeinsam zu einem Fansong. Für den Anpfiff haben sich die Kölner Fans etwas Besonderes überlegt. Mit dem Anpfiff wirft der gesamte Fanblock Konfetti in die Höhe und beginnt dabei ihr Team nach vorne zu peitschen.

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Im ersten Drittel der Partie passiert verhältnismäßig wenig, da beide Mannschaften Angst haben Fehler zu machen. Die Fans stört das wenig. Sie feuern weiter frenetisch ihre Mannschaft mit verschiedenen Liedern an. Die Fans der Kölner Haie besitzen hinter jedem Tor einen Fanblock. Deshalb wird in der Drittelpause immer abwechselnd „Haie“ hin und her gerufen, die Toilette aufgesucht oder aber etwas zu Essen organisiert. Die Fans – von jung bis alt – haben eindeutig eine Menge Spaß. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen, alles ist exakt einstudiert. Für die Koordination sorgt ein Anführer. Über ein Megafon gibt er die Lieder und die Aktionen vor. In den ersten Reihen schwingen Kollegen zu Beginn jedes Drittel riesige Fahnen, sodass man nichts mehr sieht, wenn man direkt hinter ihnen steht Doch selten halten die Fahnenschwinger dies lange durch.

Im zweiten Drittel geht das Team aus Wolfsburg in Führung. Die Stimmung im Haie-Fanblock ist gedrückt. In ersten Reaktionen nach dem Gegentreffer wird über das Abwehrverhalten der Mannschaft aus Köln geflucht, lautstark diskutiert und geschimpft. Nach ein paar Minuten jedoch wurden die Kölner Haie wieder lautstark von ihrem Anhang angefeuert. Die Fans wollen das Spiel noch nicht verloren geben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ein Drittel kann sehr lange sein“, brüllt ein eingefleischter Haie-Fan.

Letztes Drittel des Spiels, letzte Chance. Sowohl die Kölner Spieler, als auch die Fans geben alles, damit ihre Saison heute noch nicht zu Ende geht. Fünf Minuten vor Schluss steht die gesamte Arena auf und klatscht für die Spieler. Doch leider hilft es nicht. Die Kölner Haie verlieren das Spiel gegen die Grizzlys Wolfsburg mit 0:1. Damit ist die Saison der Haie beendet. Die Enttäuschung ist groß. Bei den Spielern auf dem Eis und den Fans auf den Tribünen. Dennoch drehen die Spieler eine Ehrenrunde und werden trotz der Niederlage von den Fans lauthals gefeiert und bekommen Standing Ovations. Klar sind nach dem Spiel viele Fans traurig und enttäuscht. In einigen Augen sind Tränen zu sehen: „Leider sind wir rausgeflogen. Das ist so bitter“, sagt mein Nachbar, „aber wir werden immer zusammenstehen, in guten wie in schlechten Zeiten. Dieser Zusammenhalt des ganzen Vereins, der macht diesen Club so einzigartig“.

Nach dem Spiel kehrt man wieder ins „Henkelmännchen“ zurück. Mit ein paar Kölsch wird die Enttäuschung runtergespült. Langsam macht sich ein Fan nach dem anderen nach Hause auf. Aus der Kleidung fallen die letzten Konfettireste. Erinnerungen an einen traurigen Abend, der so hoffnungsvoll begonnen hatte. Doch das jähe Saisonaus ist schnell verdaut. Unverzüglich wird der Blick nach vorne gerichtet. Die neue Saison beginnt bald. Die Vorfreude steigt.

Tammo Heinzler

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