Im Wandel der Zeit: Olympiastadion Garmisch-Partenkirchen

Kilian Jährig

Apnoetauchen – mehr als eine Sportart unter Zeitdruck

Auf der Erde leben mehr als sieben Milliarden Menschen. Jeder Quadratmeter Land ist hier vermessen, viele davon bebaut und (zu) viele zerstört. Die Tiefsee bleibt die letzte ungesehene, unberührte und unentdeckte Wildnis, die letzte große Herausforderung unseres Planeten. Dort gibt es keine Handys, keine E-Mails, kein Twitter und Facebook, keine Autoschlüssel, die man verlieren kann, keine Terrordrohungen oder vergessenen Geburtstage. Stress, Lärm und die Ablenkungen des Alltaglebens bleiben an der Oberfläche zurück. Die Tiefsee ist der letzte wahrhaft stille Ort auf Erden.

 

Mit nur einem Atemzug tauchen Apnoeisten in Tiefen von mehr als 200 Meter hinab. Aber wie fühlt es sich wohl an und was passiert mit dem Körper in solchen Tiefen? Lies die folgenden Zeilen um es zu erahnen – vergiss dabei aber bloß nicht zu atmen.

Die Freediver erfahren in den Tiefen der Meere ein Gefühl der Schwerelosigkeit.
Foto: Fotolia

Bereits in zehn Metern Tiefe werden die Lungen etwa auf die Hälfte ihrer normalen Größe zusammengedrückt. In einer Tiefe von hundert Metern schrumpfen sie auf die Größe von zwei Tennisbällen. Der Druck ist zehnmal höher als auf der Erdoberfläche, stark genug, um eine Cola-Dose zu zerquetschen. Dreißig Meter … vierzig Meter … fünfzig Meter. Einige Freediver erreichen ihr Ziel nicht und kehren auf dem Weg nach unten um. Sie tauchen bewusstlos oder mit Herzstillstand wieder auf. Abgesehen vom Basejumping, dem Extremsport schlechthin, ist Freitauchen die gefährlichste Abenteuersportart der Welt. Man bekommt den Eindruck, dass es etwas mit Todessehnsucht zu tun haben muss. Aus irgendeinem Grund ist dieser Sport jedoch nicht verboten. Für viele ist der Versuch, tiefer zu tauchen, als es selbst Wissenschaftler für möglich hielten, das Risiko wert, gelähmt zu bleiben oder sogar zu sterben. Aber nicht für alle. Den meisten Apnoeisten geht es nicht um eine Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. Ihnen ist egal, ob sie Rekorde brechen oder besser sind als ihre Rivalen. Sie tauchen ohne Sauerstoffgerät, weil sie auf diese Weise ganz unmittelbar und direkt mit dem Meer in Berührung kommen. Das Meer verändert uns körperlich und psychisch, denn unter der Oberfläche ähnelt der Körper in Form und Funktion nur annähernd seinem Zustand an Land. Wenn Freitaucher von ihren Erfahrungen berichten, ist das vergleichbar mit buddhistischen Mönchen oder Patienten in der Notaufnahme, die an der Schwelle des Todes standen und Minuten später ins Leben zurückgeholt worden sind.[su_box title=“Infobox – Überblick über die verschiedenen Disziplinen im Apnoetauchen“ style=“bubbles“]No Limit: Während des Abtauchens darf man so viel Gewicht wie nötig verwenden (meist in Form eines Gewichtsschlittens), beim Auftauchen sind Hilfsmittel wie Luftsäcke erlaubt, die einen schneller zurück an die Wasseroberfläche bringen.
Constant Weight: Beim Abtauchen darf man nach Belieben zusätzlichen Ballast verwenden, muss allerdings mit demselben Gewicht auch wieder auftauchen.
Variable Weight: Beim Abtauchen dürfen maximal 30 Kilogramm zusätzliches Gewicht benutzt werden, beim Auftauchen dürfen keine anderen Hilfsmittel als die Apnoeflossen verwendet werden.
Statisches Apnoe: Luftanhalten unter Wasser so lange wie möglich.
Dynamisches Apnoe: Hier versucht man, so weit wie möglich mit angehaltenem Atem zu schwimmen. [/su_box]

Trainiert wird meist in niedrigen Tiefen. Bevor es unter Wasser geht, praktizieren Apnoeisten spezielle Atem- und Yogaübungen, um die Kapazität ihrer Lunge zu vergrößern.
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Apnoe kommt von dem griechischen Wort ápnoia (ohne Atmen). Den Weltrekord im „No Limit“ hält der Österreicher Herbert Nitsch mit 214 Meter. Der Franzose Stéphane Mifsud schafft es dahingegen, die Luft für 11:35 Minuten anzuhalten. In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als Tauchreflex oder als Hauptschalter des Lebens bezeichnet. Der Begriff Hauptschalter des Lebens bezieht sich auf eine Vielzahl von Reflexen in Gehirn, Lungen, Herz und anderen Organen, die in dem Moment ausgelöst werden, in dem wir unser Gesicht ins Wasser stecken. Je tiefer man taucht, desto ausgeprägter werden diese Reflexe, bis sie schließlich eine körperliche Veränderung aktivieren, die unsere Organe vor dem enormen Wasserdruck schützen und den Menschen in Lebewesen der Tiefsee verwandelt. Freitaucher nutzen und steuern dieses Umschalten, um tiefer und länger zu tauchen. Tiere wie Haie, Delfine und Wale haben zusätzliche Sinne entwickelt, um unter den hohen Druck in der lichtlosen und kalten Umgebung zu überleben. Mit deren Hilfe orientieren sie sich, kommunizieren und sehen. Der Mensch besitzt ähnliche Fähigkeiten. Diese Sinne und Reflexe schlummern weitgehend ungenutzt in uns, aber sie sind nicht verschwunden. Und sie kommen offenbar wieder zum Vorschein, wenn wir sie unbedingt brauchen.

Bei einigen Wettkampfdisziplinen ist es erlaubt, sich mit Hilfsmitteln in Richtung Kälte und Dunkelheit befördern zu lassen.
Foto: Fotolia

Aufgrund dieser Fähigkeiten ist es kein Zufall, dass viele Forscher auch Freitaucher sind. Freitauchen ist mehr als nur ein Sport. Freitauchen ist ein schneller und effizienter Weg, sich den geheimnisvollen Tieren des Meeres zu nähern und sie zu erforschen. Haie, Delfine und Wale können dreihundert Meter und tiefer tauchen, doch wir haben keine Möglichkeit, sie in solchen Tiefen zu beobachten. Eine Handvoll Wissenschaftler hat kürzlich entdeckt, dass sie diese Tiere weitaus genauer studieren können als jeder Gerätetaucher oder Roboter, wenn sie an der Meeresoberfläche warten, bis die Tiere zum Fressen und Atmen nach oben kommen, und sich ihnen dann unter gleichen Bedingungen (frei tauchend) zu nähern. Die Menschenaffen wurden schließlich auch nicht vom Flugzeug aus erforscht.

 

Markus Sutera

Außenseiter in Teilzeit – Ein Blick auf die Rolle des Kickers beim American Football

Das Leben als Kicker beim American Football ist nicht leicht. Stell dir Folgendes vor: Du bist kleiner und schmächtiger als alle anderen. Im Training lassen dich die großen Jungs nicht mitspielen. Alle deine Mitspieler verdienen mehr als du. Du schlägst die Zeitung auf und liest ein Zitat von Brain Billick: „Kicker sind keine Football-Spieler“, urteilt der ehemalige Headcoach der Baltimore Ravens. Nach dieser verbalen Ohrfeige musst du dich ablenken. Du schaust dir im Fernsehen deine Lieblingsserie an, Blue Mountain State. Der Coach einer fiktiven College-Footballmannschaft, Marty Daniels, hat gerade einen seiner berühmten Wutausbrüche, die du immer so lustig findest. Über was er sich wohl dieses Mal aufregt? „Ich würde gerne in der Zeit zurückreisen und demjenigen, der entschieden hat, dass Kicker zum Football gehören, eine reinhauen“, wütet Daniels. Was für ein gebrauchter Tag.

Tobias Goebel kickt bereits seit acht Jahren für den Rekordmeister der GFL, die New Yorker Lions aus Braunschweig.
Bild: Fabian Uebe/New Yorker Lions

Kicker beim American Football sind quasi Teilzeitarbeiter. Sie verbringen die meiste Zeit während eines Spiels auf der Bank. Nur bei bestimmten Spielsituationen dürfen sie auf das Feld. Ein solcher Moment ist zum einen der Extrapunkt: Nach einem erzielten Touchdown hat die erfolgreiche Mannschaft unter anderem die Möglichkeit, mit einem Kick aus etwa 33 Yards durch die beiden Torstangen einen weiteren Punkt (ein Touchdown gibt sechs Punkte) zu erhalten. Der Versuch, den Football durch das Gestänge zu schießen, kann auch ohne einen vorausgegangen Touchdown erfolgen; man spricht dann von einem „Field Goal“, das dem Kicker und seinem Team drei Punkte beschert. In manchen Teams ist der Kicker auch für den Kickoff, also den Anstoß zu Beginn jeder Spielhälfte, nach einem Touchdown oder nach einem Field Goal verantwortlich.

Das Anforderungsprofil für diese Position unterscheidet sich von dem anderer Positionen auf dem Feld: Kicker erledigen ihre Aufgabe in der Regel ohne Körperkontakt zu anderen Spielern und benötigen deshalb nicht den für Footballer typischen, massigen Körperbau. Entscheidend bei diesen Spielern sind vor allem ein immer wieder einstudierter, sich wiederholender Bewegungsablauf beim Kick – und Nervenstärke. Bei jedem Einsatz gilt es, die tobenden Zuschauermassen, die anstürmenden, meist sehr kräftigen Defensivspieler der gegnerischen Mannschaft, die Erwartungshaltung der Mitspieler und die mögliche Tragweite eines Fehlschusses auszublenden und das Ei durch die Stangen zu treten.

In Deutschland stecken American Football und damit auch seine Kicker im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Kinderschuhen. „Die Rolle der Kicker in Footballdeutschland ist leider noch nicht so populär, als dass jedes Team einen speziellen Kicker hätte. Bei uns kickt der mit dem besten Fuß“, erklärt Pablo Börsch, Offense Lineman der Stuttgart Scorpions, die in der German Football League 1 (GFL) und damit in der obersten Liga in Deutschland spielen. Sven Diether, der früher selbst als Kicker tätig war und nun Headcoach des Oberligisten Red Knights Tübingen ist, testet beispielsweise vor jeder Saison alle Spieler in der Rolle des Kickers, am liebsten hätte er jedoch einen Spezialisten: „Wer sich im American Football auskennt weiß, wie wichtig Kicker sind“, erklärt er.

Marin Dominikovic von den Red Knights Tübingen spielt eigentlich Linebacker, hat aber auch das beste Füßchen beim Oberligisten.
Bild: Schittenhelm

„Trotzdem könnte ich spontan nur einen oder zwei Kicker aus der NFL mit Namen benennen; das zeigt, dass die Kicker in der Außendarstellung ein wenig untergehen.“ Den Druck, der auf den Schultern eines Kickers bei einem entscheidenden Field Goal oder Extrapunkt lastet, vergleicht Diether mit dem des Schützen beim Fußball-Elfmeterschießen. Mit einem entscheidenden Unterschied. Seiner Meinung nach „kann ein Kicker selbst bei einem Fehlschuss kurz vor Schluss niemals ein Spiel alleine verlieren, da die Offense und die Defense effektiv viel länger Zeit haben, Einfluss auf den Ausgang der Partie zu nehmen.“

Der Weg vom Fußballspieler zum Kicker beim American Football ist nicht sehr weit. Das dachten sich auch Manfred Burgsmüller, Axel Kruse und Horst Mühlmann (spielte sogar in der amerikanischen Profiliga NFL), die alle nach ihrer aktiven Karriere als Fußball-Bundesligaspieler auf Extrapunkt- und Field Goal-Jagd gingen. Eine andere Reihenfolge wählte der Brasilianer Cairo Santos: Sein Traum war es, Profifußballer zu werden. Bei einem Austauschprogramm mit einer Highschool in Florida wurde er schließlich entdeckt – allerdings von der Footballmannschaft der Schule. Heute spielt er bei den Kansas City Chiefs in der NFL und hat allein im November 2016 zwei Spiele durch späte Field Goals entschieden.

Auch einer der wenigen Spezialisten für Field Goals und Extrapunkten in der GFL, Tobias Goebel vom Rekordmeister und amtierenden German Bowl Gewinner New Yorker Lions, kam durch den Fußball zum American Football. „Am Anfang sprachen mich einige Mitspieler nie mit meinem Namen an, sondern immer nur abwertend mit ‚Kicker‘“, erinnert sich Goebel. „Mittlerweile bin ich seit acht Jahren im Team und werde von meinen Mitspielern und den Zuschauern geschätzt. Der Kicker wird jedoch immer noch von einigen Leuten belächelt – meiner Meinung nach zu Unrecht. Beim American Football zählt oft jeder Punkt, trotzdem fallen Spieler auf dieser Position oft nur dann auf, wenn sie einen entscheidenden Kick verfehlt haben.“

Das Ziel eines jeden Kickers: Die Schiedsrichter zeigen an, dass der Extrapunkt oder das Field Goal gültig war.
Bild: Schittenhelm

In der NFL hat jedes Team seinen Spezialisten auf dieser Position. Diese fallen jedoch nur dann auf, wenn sie versagen. Am elften Spieltag der abgelaufenen Saison scheiterten gleich zwölf Extrapunkt-Versuche; so viele wie nie zuvor. Die Minnesota Vikings feuerten ihren Kicker Blair Walsh, der mit 78,9 Prozent die schlechteste Quote bei Extrapunkten aufwies. Auch wenn die Teilzeitarbeiter oft unterschätzt werden, gibt es dennoch Helden unter ihnen: Adam Vinatieri zum Beispiel, aktuell bei den Indianapolis Colts unter Vertrag. Er gilt als einer der besten Kicker der Geschichte und entschied zweimal einen Superbowl (das Finale um den NFL-Titel) mit einem Kick. Oder Matt Prater von den Denver Broncos, der sich 2013 in die Geschichtsbücher eintrug, als er aus 64 Yards das längste Field Goal in der NFL-Geschichte erzielte.

Du behältst einen kühlen Kopf. Die Medien berichten über dich. Die Fans feiern dich. Du erzielst Field Goals aus großen Entfernungen. Du entscheidest über Siege und manchmal sogar Meisterschaften. Vielleicht sollten manche Kritiker mal einen Tag in deinen Schuhen laufen und mit ihnen kicken, damit sie merken, wie schwer ein Leben als Kicker ist.

Marius Faller

Winterzeit: mit dem Hundeschlitten durch den Neuschnee

Lautes Heulen durchbricht die winterliche Stille auf den Langlaufloipen der österreichischen Gemeinde Schoppernau im Bregenzerwald. Die Begeisterung der zwölf Siberian Huskys ist groß, denn das lange Warten auf den ersten Schnee hat endlich ein Ende. Bis ins neue Jahr hinein hat es gedauert, doch in der Nacht auf den ersten Donnerstag im Januar schneite es beinahe einen halben Meter in dicken Flocken. Jetzt ist die Vorfreude auf Bewegung bei den ausdauerstarken Vierbeinern spürbar – unruhig springen sie übereinander und warten auf das Kommando ihres Mushers. So wird der Schlittenhundeführer, der sein Gespann durch laute Zurufe lenkt, in der Fachsprache genannt.

Das vereiste Nummernschild an van Landeghems Transporter zeigt die Begeisterung für seine Vierbeiner (Bild: Lea Nagel)

Diese Aufgabe kommt bei den Touren mit dem Husky-Gespann, die Marc van Landeghem am Diedamskopf anbietet, den Teilnehmern selbst zu. Jeder Einzelne ist hier auf einem eigenen Schlitten unterwegs. Bevor die Fahrt durch das endlich schneebedeckte Tal jedoch losgeht, müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden. Van Landeghem, der 1990 aus Belgien nach Österreich kam, lädt die Schlitten vom Dach seines blaugrünen Transporters. Das Wort „Husky“ ist sogar auf dessen vereistem Nummernschild zu lesen.

Ayko, einer der Leithunde und Chef des Rudels, beobachtet indes vom Beifahrersitz aus konzentriert das Geschehen. Seine eisblauen Augen blicken wachsam durch die Windschutzscheibe. Der Belgier öffnet ihm die Türe, nachdem er alle anderen Hunde angeleint hat und Ayko stimmt sofort in ihr Geheul mit ein. Für ihn, wie für den Rest der Gruppe, ist es die erste Fahrt in diesem Winter. Zehn Touren hatte van Landeghem aufgrund des fehlenden Schnees schon absagen müssen.

Van Landeghem erklärt, wie die Geschirre angelegt werden – dann dürfen es die Teilnehmer ausprobieren (Bild: Lea Nagel)

„Zum Glück bin ich finanziell unabhängig und nicht zwingend auf die Einnahmen durch die Touren angewiesen“, sagt er. Das Geld, das er durch die Fahrten verdient, reinvestiert er zum großen Teil in seine Huskys, denn deren Haltung ist kein billiges Hobby. Futter, Schlitten, Geschirre – die Liste ist lang.

Letztere müssen den Huskys nun angelegt werden. Im Anschluss teilt van Landeghem die Gespanne ein, mit drei Schlitten sind wir unterwegs. Je nach Gewicht und Erfahrung werden jedem Musher vier Hunde zuwiesen, bei achtzehn bis zwanzig Hunden liegt die Obergrenze bei langen Touren mit viel Gepäck. Im Doppelgespann, bei dem die Huskys paarweise rechts und links einer Zentralleine laufen, jeweils mit von der Partie: Ein Leithund, der mit dem Schlittenhundeführer arbeitet, ihm vertraut und seine Kommandos umsetzt. Zwei Jahre ist der jüngste von van Landeghems Huskys alt, Ayko ist mit zehn Jahren einer der ältesten. Nachdem der Musher die Vierbeiner angespannt und Schlitten, Bremse, Verankerung und die wichtigsten Kommandos erklärt hat, kann es endlich losgehen.

Das „Go“, das die Hunde zum Loslaufen auffordert, ist für die wartende Meute überflüssig – kaum ist die Bremse gelockert, gibt es kein Halten mehr – der Bewegungsdrang ist ihnen angeboren.

Husky-Dame Maya hat das Geschehen im Blick (Bild: Lea Nagel)

In früheren Jahren hat van Landeghem die ersten Schneefälle abgewartet, damit der frische Schnee angedrückt und gewalzt werden kann. Der tiefe Neuschnee bedeutet für die Vierbeiner zusätzliche Anstrengung, diese macht sich auf der Fahrt durch die malerische Bergwelt nach und nach bemerkbar. Eine neue Bestzeit werden Ayko, Jenna, Maya und Co. auf diesem Trail nicht aufstellen. Bei der Tour geht es jedoch weniger um das höchstmögliche Tempo als um das Erlebnis in der Natur. Können die Hunde den Schlitten nicht ausreichend beschleunigen, um beispielsweise Steigungen zu überwinden, ist es Aufgabe des Mushers, sie zu unterstützen: Er steht nur noch auf einer der beiden Metallkufen des Schlittens, mit dem anderen Bein schiebt er das Gespann immer wieder an. Sinkt der Schlitten zu tief in den Schnee, läuft er zwischen den Kufen, um den Schlitten zu beschleunigen.

Das ist insbesondere in schneereichen Regionen notwendig. Als Fortbewegungs- und Transportmittel sind Hundeschlitten vor allem in der Polarregion verbreitet, denn sie sind sehr zuverlässig, was die Beförderung von Material bei sehr niedrigen Temperaturen anbelangt. 1925 hatten in Alaska 20 Hundeschlitten in nur fünfeinhalb Tagen mehr als tausend Kilometer

Bergauf drückt sich der Musher vom Boden ab, um sein Gespann zu unterstützen und den Schlitten zu beschleunigen (Bild: Lea Nagel)

zurückgelegt, um ein Immunserum gegen Diphterie in die eingeschneite und von zugefrorenem Meer umgebene Stadt Nome zu bringen, in der eine Epidemie ausgebrochen war. In ganz Amerika berichteten Zeitungen und Radiosender über den Transport, bei dem Temperaturen von bis zu -60 Grad Celsius herrschten. Noch heute erinnert die Statue von Balto, einem der Leithunde, im New Yorker Central Park an die Musher und ihre Gespanne. Auch das Iditarod, das längste und härteste Hundeschlittenrennen der Welt, findet seit 1973 jedes Jahr auf einem Teil dieser Strecke statt.

In Europa hielt der Hundeschlittensport erst in den 1980er Jahren Einzug. Seitdem wird er immer beliebter, Schlittenhunderennen und Abenteuerurlaube in Lappland, Kanada oder Alaska locken Touristen. Auch in den Bregenzerwald: Nebenan in Mellau gibt es geführte Touren und Schneeschuhwanderungen mit den Hunden. Im Kleinwalsertal wird für Interessierte ein Husky-Camp mit mehrstündigem Programm angeboten, im Brandnertal organisiert Husky-

Je vier Hunde ziehen einen Schlitten (Bild: Lea Nagel)

Toni für Kinder ab acht Jahren eine Schlittenhundefahrschule mit Prüfung und Führerschein. Es geht aber auch ohne Schnee: Bis in die 1950er Jahre waren auch Hundeschlitten an der Nordseeküste im Wattenmeer unterwegs, um dort Fischernetze aus dem Wasser zu ziehen.

Liegt in Schoppernau kein Schnee, muss sich Marc van Landeghem etwas anderes einfallen lassen, um das Rudel auf den Winter und die Schlittensaison vorzubereiten. Im Oktober startet das Trockentraining. „Da nutzen wir eine Konstruktion aus einem Mountainbike und einer Art Schlitten, an dem wir auch ähnliche Räder befestigen“, erklärt er. Dass sich die Mühe gelohnt hat, zeigt sich jetzt: Etwa eineinhalb Stunden dauert die Ausfahrt bis in die Nachbargemeinde nach Au und zurück. Es geht bergauf und bergab, während der Schneefall nach und nach weniger wird. Als wir wieder am Ausgangspunkt ankommen, ist das Bild ein anderes als noch am Morgen: Kaum ein Laut ist von den Huskys zu hören, die erschöpft, aber scheinbar zufrieden auf ihre wohlverdiente Belohnung warten. Zeit zum Durchschnaufen, denn schon morgen startet die nächste Tour.[su_youtube url=“https://www.youtube.com/watch?v=Dy-j0Dm-sS0&feature=youtu.be“ width=“960″ height=“520″] Lea Nagel