Wie Ružica Džankić zur Trainerin im Männerbasketball wurde – und warum das noch immer besonders ist.
Sie reboundet nach dem Training, steigt bei Übungsformen mit Körperkontakt ein, macht an der Seitenlinie klare Ansagen. Ružica Džankić, 31, ist Assistenztrainerin der BG Göttingen in der Pro A – als einzige Frau in dieser Rolle.
Dabei ist sie eine Ausnahme. In der gesamten Pro A, der zweithöchsten deutschen Basketballliga, gibt es keine zweite Trainerin an der Seitenlinie eines Männerteams. Auch weltweit ist das Bild eindeutig: Trainerinnen machen gerade einmal elf Prozent der organisierten Basketballcoaches aus. Erst 2021 trainierte mit der Australierin Liz Mills erstmals eine Frau eine männliche Nationalmannschaft bei einer Kontinentalmeisterschaft. Dass Ružica heute hier steht, ist keine Selbstverständlichkeit.
Für sie begann der Sport nicht in einer Halle, sondern auf der Straße. Als Einzelkind war der Ball etwas, womit sie sich beschäftigen konnte – unabhängig von Trainingszeiten oder festen Strukturen konnte sie jederzeit hinausgehen und spielen. „Gerade wenn ich allein war, war Basketball mehr als ein Zeitvertreib. Er war mein Anker, meine Struktur.“ Früh lernte sie so, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, ihren eigenen Rhythmus zu finden – eine Selbstständigkeit, die sie bis heute auszeichnet.
Was auf der Straße anfing, wurde zum Beruf. 2012 begann ihre Profikarriere in ihrer Heimatstadt Zagreb – als Small Forward mit 181 Zentimeter, einer Position, die Vielseitigkeit verlangt, lief sie zunächst für Croatia 2006 und ŽKK Medveščak auf, parallel hatte sie bereits ihre ersten Einsätze im Trikot der kroatischen Nationalmannschaft. Danach führte sie ihr Weg durch halb Europa – über Stationen in Russland, Rumänien, Ungarn bis nach Italien. Jahre, die sie mit Mitte Zwanzig bereits zu einer routinierten Spielerin machten. 2020 dann der Schritt nach Deutschland: Sie unterschrieb bei der BG 74 Göttingen.
Der Gedanke, Trainerin zu werden, hatte sie während ihrer aktiven Karriere nie wirklich beschäftigt. Coaching empfand Džankić lange als undankbare Aufgabe – stressig und wenig erfüllend. „Als Spielerin feiert man Siege gemeinsam, Niederlagen trägt man als Team. Als Trainerin steht man, besonders wenn es schlecht läuft, oft allein in der Verantwortung“, erklärt sie. Ihr eigentlicher Plan war klar – noch etwa fünf Jahre aktiv zu spielen. Doch dann kam alles anders. Ein Bandscheibenvorfall im zweiten Göttinger Jahr, eine Operation und schließlich das vorzeitige Karriereende. Womit sollte sie jetzt ihr Geld verdienen? Wie sollte es weitergehen – ohne den Sport, der ihr ganzes Leben bestimmt hatte?
Dieser Umbruch verlief überraschend unkompliziert. Ein Anruf von General Manager Richard Crowder: Der Verein wollte sie halten. Kurz darauf verließ der damalige Trainer der BG-Damen das Team und sie wurde gefragt, ob sie die Rolle übernehmen wolle. Die 30-Jährige sagte zu. Was zunächst als Übergangsjob parallel zum Abschluss ihres Geographiestudiums geplant war, wurde fortan ihre neue Hauptaufgabe.
Schon früh erkannte sie, dass Coaching ihr eine andere Form von Befriedigung bot als das Spielen selbst. Ideen auf das Parkett bringen, die Ergebnisse der eigenen Arbeit sehen – die Gestaltungsmöglichkeiten gefielen ihr gut. Besonders am Anfang profitierte sie stark von ihrer eigenen Erfahrung als Spielerin. „Mit den Jahren wächst die Distanz zum eigenen Spielerinnenalltag“, betont Džankić. Trotzdem versteht sie noch jede Rolle – von der Bankspielerin, die auf ihre Chance wartet, über die Rollenspielerin bis zum Star des Teams. Ihr Verständnis reicht dabei über das Sportliche hinaus – schwere Phasen, Zweifel und Druck, aber auch die Teamdynamik kennt sie aus erster Hand.
Morgens Männer, abends Frauen

Im Sommer 2025 dann ein Anruf. Am Telefon der neue Headcoach der BG Göttingen, Fabian Strauß. Sie hört zu – doch lange überlegen musste sie nicht, als die Anfrage kam, ins Trainerteam der Herren einzusteigen. Ein kurzes Gespräch, eine schnelle Entscheidung – und plötzlich war Džankić Teil des Trainerstabs.
Ihr Arbeitsalltag ist seitdem eng getaktet. Trainingseinheit am Morgen bis in den Mittag, abends bei den Frauen. Dazwischen Termine, Analysen und Meetings. Dazu ein deutschlandweiter Spielplan mit Auswärtsfahrten bei gleich zwei Teams. Da bleibt wenig Zeit für anderes. Wie sie die knappe Zeit dennoch bewusst nutzt? Körperliche Fitness ist für sie wie schon zu aktiven Zeiten Fundament, um diese Belastungen zu bewältigen. „Zwischen den langen Busfahrten und dem vielen Stehen während der Trainingseinheiten hilft es mir, energiegeladen zu bleiben“, sagt Džankić. Besonders in diesem Jahr hat sie diese Routine für sich entdeckt. An freien Tagen abschalten? Für sie oft schwerer als gedacht. „Manchmal habe ich das Gefühl, es ist besser für mich keinen freien Tag zu haben, denn danach will ich meistens einen weiteren.“ Das Zeitmanagement ist nicht die einzige Herausforderung.
In vielen Köpfen noch nicht angekommen
Dass ihre Rolle als Trainerin immer noch eine Ausnahme ist, bekommt Džankić zu spüren – auch abseits des Männerteams. Bei einer Auswärtsfahrt mit den Damen hielt etwa der Hallenwart nicht sie für die Headcoach, sondern den Busfahrer. Auch im Umgang mit Schiedsrichtern macht sie diese Erfahrung – gelegentlich ist der Ton ihr gegenüber ein anderer als gegenüber männlichen Kollegen. „Für manche macht es wohl doch noch einen Unterschied, ob eine Frau an der Seitenlinie steht oder ein 2,05 Meter großer Mann“, sagt sie.
Mit den Spielern der Herrenmannschaft macht sie hingegen durchweg positive Erfahrungen, insbesondere weil ihre Fachkompetenz und Kommunikation klar erkennbar sind. Nils Schmitz, Spieler der BG Göttingen, bestätigt das: „Die Mannschaft nimmt sie sehr gut auf und unterscheidet da nicht zu unserem anderen Assistant Coach.“ Für Nils Schmitz ist Ružica – Ruza, wie sie alle nennen – die erste Trainerin, mit der er arbeitet. Sie bringe einen frischen Wind ins Team, nehme sich viel Zeit für die Spieler. Er selbst arbeitet individuell viel mit ihr zusammen, schätzt dabei nicht nur ihre fachliche Kompetenz und eigene Erfahrung, sondern auch ihre angenehme und unkomplizierte Art.
Thalia Kretschmer, Spielerin der Veilchen Ladies, kennt Ruza in beiden Rollen – als Mitspielerin und als Trainerin. Verständnis für Spielerinnen, Kommunikation auf Augenhöhe, praxisnahes Training: So beschreibt sie die Arbeit mit ihr. Auch sie betont, dass Frauen in Führungsrollen zur Normalität werden sollten, vor allem dann, wenn die Fachkenntnis stimmt. Für Kretschmer ist klar – Ruzas jahrelange Karriere auf höchstem Niveau mache sich täglich bemerkbar. Diese Erfahrung sollte zählen, nicht das Geschlecht. Eine Entwicklung bei Džankić beobachtet Kretschmer dabei trotzdem. Seit sie im Männerteam arbeitet, werden die Ansagen klarer – „eine Halbzeitpause mit 25 Punkten Vorsprung wird schon mal zur Standpauke, wenn die Verteidigung schläft“, sagt Kretschmer und lacht. Rumschreien ist trotzdem nicht ihr Stil – das überlässt sie anderen. Kommunikation bleibt das Fundament.
Raus aus der Komfortzone
Der Schritt in den Männerbereich war für Džankić die nächste logische Konsequenz, auch wenn dieser sie aus ihrer Komfortzone brachte. Ein professionelleres Umfeld, höhere taktische Anforderungen, neue Verantwortung. Als sie die Damen-Mannschaft übernahm, in der sie selbst spielte, war diese bereits eine gut geölte Maschine. Sie wusste bereits viel, auch wenn sie stetig lernte und sich verbesserte. Im Männerteam war das anders. Bis auf ein paar Telefonate kannte sie weder das Trainerteam um Headcoach Fabian Strauß und Assistenztrainer Patrick Carney, noch die Mannschaft. Dennoch – genau das reizte sie: eine Chance, sich weiterzuentwickeln und zu lernen. Die Herausforderung, Verantwortung zu übernehmen, aus sich herauszukommen und auch mal die führende Stimme zu sein. Dinge, die ihr mit der Zeit besser gelingen, wodurch sie immer mehr zu sich selbst findet. „Es ist normal, dass ich hier bin und genau so sollte es auch sein“, sagt Džankić. Irgendwann, so hofft sie, braucht es keine Erklärung mehr, warum eine Frau an der Seitenlinie steht.
Das Problem hinter der Ausnahme
Warum es dennoch so wenige Frauen in vergleichbare Trainerrollen zieht, ist für Džankić klar. In der gesamten Pro A ist sie die einzige – und das ist kein Zufall. „Zum einen gibt es wenige Möglichkeiten für Frauen, auf einem hohen Level zu spielen. Für viele ist ein zweites Standbein unumgänglich, was sie daran hindert, das höchstmögliche Level zu erreichen“, sagt sie. Wer nie auf hohem Niveau gespielt hat, dem fehlt oft die Grundlage, um später als Trainerin ernst genommen zu werden. Dazu kommt der Trainerjob selbst: Eine Männerdomäne, in der es schwer ist, Fuß zu fassen und die Möglichkeit zu bekommen, sich zu entwickeln. Fähige Frauen gibt es genug – aber sie brauchen die Chance zu wachsen.
Dass es möglich ist, zeigt ein Blick über den Atlantik. Ein Name, der ihr dabei einfällt: Sidney Parsons. Viele Jahre Trainerin in der DBBL, im Staff der deutschen Nationalmannschaft und maßgeblich daran beteiligt, die DBB-Damen erstmals für ein olympisches Basketballturnier zu qualifizieren. Ihr Weg führte sie schließlich bis zu den Golden State Valkyries in die WNBA. Ein Beweis, dass der Weg existiert – man muss ihn nur gehen dürfen.
Parallelen zieht Džankić zu sich selbst – ohne den Anruf von Fabian Strauß, sagt sie, wäre im Sommer wohl niemand auf die Idee gekommen, mit ihr über diese Möglichkeit zu sprechen. „Natürlich fällt kein Euroleague-Coach vom Himmel, aber ein Mitte-20-jähriger Mann bekommt eher die Chance, sich zu präsentieren und sich dorthin zu entwickeln“, erklärt sie. Dennoch: Starre Frauenquoten sieht sie kritisch. „Dafür gibt es wahrscheinlich gar nicht genug weibliche Trainer“, sagt sie und lacht. Wichtiger seien Mentoring, Netzwerke, Bildung und vor allem Sichtbarkeit. Übergeordnet: Ein generelles Interesse für den Damenbasketball schaffen. Was Sichtbarkeit bewirken kann, haben die deutschen 3×3-Damen gezeigt – ihr Olympiasieg 2024 in Paris katapultierte den Damenbasketball plötzlich in die Schlagzeilen. „Erst durch solche Momente entsteht Interesse, erst durch Interesse entsteht Quantität – und erst durch Quantität auch Qualität. Die Verantwortung liegt auch bei den Vereinen. Sie müssen sich öffnen, Frauen an den Tisch holen und begreifen, dass dieser Job ohne Passion nicht funktioniert.“
85 Prozent anders
Wie ein solcher Wandel aussehen kann, zeigt sie selbst. Seit 2016 war sie nicht mehr in ihrer Heimat – ein langer Abstand, der auch ihre Perspektive auf das Coaching geprägt hat. Ihre Philosophie? „85 Prozent es nicht so zu machen, wie es mit mir gemacht wurde“, sagt Džankić. Gemeint ist der Einfluss einer Trainerkultur, die oft als alte Schule gilt – rustikal und autoritär. Paradebeispiel: Trainerlegende Željko Obradović, der regelmäßig seine Wut wortstark und für alle Fans hörbar an den Spielern auslässt. Davon will sie weg. Für sie steht die Beziehung im Mittelpunkt – sie möchte ihre Spielerinnen und Spieler als Menschen kennenlernen und verstehen, nicht nur als Athleten. Wie kann man jeden Einzelnen besser erreichen und motivieren? Zentrale Fragen für sie. Was sie der Region dennoch zuspricht: ein hervorragendes Basketballverständnis, einen Basketball-IQ, den sie selbst versucht zu vermitteln, nur eben auf ihre Art.
Einen festen Karriereplan verfolgt Džankić bewusst nicht. Zunächst die Vorstellung, in einer der höchsten Ligen zu hospitieren, zu sehen, wie es dort läuft. Das Wort „Traum“ will sie bewusst vermeiden – das klingt zu unerreichbar. Für sie ist es ein realistisches Ziel: ein noch professionelleres Umfeld, in dem sie lernen und sich weiterentwickeln kann. Und größere Ambitionen? Hat sie. Coach eines BBL- oder ProA-Teams, irgendwann. Nur soll es keine Fixierung werden. Und wenn sie ganz ehrlich ist: Die EuroLeague würde sie noch mehr reizen als die erste oder zweite Liga.
Der Fokus ist klar: das Momentum zu nutzen, zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und offen zu bleiben. Wie es sich dann für sie entwickelt, wird sich zeigen. Kein großer Plan, nur der nächste Schritt. Vom Basketball auf der Straße bis hierhin. Und das hat bisher gut funktioniert.
Joshua Schwaibold
- Die Ausnahme, die keine sein will! - 6. Juli 2026
