Eiszeit: Das vierte Drittel

Das Licht geht aus in der Kölner Lanxess Arena. Die Fans der Kölner Haie zünden Wunderkerzen an und strecken ihre Arme zur Hallendecke. Die ganze Halle wird in einen funkelnden Schimmer getaucht. Parallel dazu ertönt die Hymne der Kölner Haie mit dem Titel „Wir sind Haie“. Die Fans grölen die Hymne mit. Gänsehautatmosphäre pur.

Aus den Lautsprechern kommen dankende Worte von Sportdirektor Mark Mahon: „Die Haie möchten sich für die unfassbare Fan-Unterstützung in dieser Spielzeit bedanken! Sowohl auf eigenem Eis als auch auswärts standen die KEC-Fans immer zu den Haien und sorgten bis zuletzt immer wieder für Gänsehautmomente. Vielen Dank!“ Damit konnte das letzte Spiel der Saison beginnen. Doch der Reihe nach.

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Dienstag, 21. März 2017. Spiel sieben der Best-of-Seven-Viertelfinalserie der Playoffs in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zwischen den Kölner Haien und den Grizzlys Wolfsburg vor 15.672 Zuschauern in der fast ausverkauften Kölner Lanxess Arena steht an. Win or Go Home würde der US-Amerikaner sagen. Entscheidungsspiel. Verlieren verboten!

Schon drei Stunden vor Spielbeginn treffen sich die Fans der Kölner Haie im „Henkelmännchen“, der Kneipe direkt an der Arena. Es wird zusammen Kölsch getrunken, gelacht und Lieder der Kölner Haie gesungen. Es ist ein Ritual. Hier treffen sich vor jedem Heimspiel die Anhänger und bereiten sich zusammen auf das Spiel vor. „Wir freuen uns immer auf die Spiele der Haie, denn dann haben wir eine gute Stimmung in unserer Kneipe und verkaufen auch das ein oder andere Bier mehr“, witzelt Stefan Löcher, der Geschäftsführer der Kneipe. Eine Stunde vor Spielbeginn brechen die Fans Richtung Arena auf. Nach ein paar Bier wird draußen das ein oder andere Lied deutlich lauter gegrölt als zuvor. In der Arena wird der eigene Stehplatz im Fanblock mit Schals besetzt.

Die Spieler der Haie betreten das Eis. Der Geräuschpegel schwillt an. Die Fans empfangen jeden Akteur lautstark mit Anfeuerungsrufen. „Ich habe schon seit zehn Jahren eine Dauerkarte und freue mich auf jedes einzelne Spiel wie ein Kind“, sagt mein Nebenmann. Natürlich trägt er ein Haie-Trikot. Der Typ auf der anderen Seite grölt infernalisch laut. „Ich finde es Klasse, dass man sich vor jedem Heimspiel in der Kneipe trifft“, beschreibt er dieses einmalige Prozedere, „man lernt viele Menschen kennen und hat mit allen etwas gemeinsam – die Liebe zu dieser Mannschaft!“

15 Minuten vor Spielbeginn gehen in der Arena der Kölner Haie die Lichter aus. Mit Wunderkerzen und lautem Geschrei wird die „Haie-Hymne“ gesungen. Es folgt eine Lichtshow, die auf das Eis projiziert wird. Gänsehaut. Anschließend wird die Mannschaft unter tosendem Applaus vorgestellt. Jeder Spieler wird von einem Lichtkegel angestrahlt aufs Eis begleitet. Die Lichter gehen wieder an und der Fünf-Minuten-Countdown bis zum Spiel beginnt. In der Zeit stehen die Kölner Fans zusammen und hüpfen gemeinsam zu einem Fansong. Für den Anpfiff haben sich die Kölner Fans etwas Besonderes überlegt. Mit dem Anpfiff wirft der gesamte Fanblock Konfetti in die Höhe und beginnt dabei ihr Team nach vorne zu peitschen.

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Im ersten Drittel der Partie passiert verhältnismäßig wenig, da beide Mannschaften Angst haben Fehler zu machen. Die Fans stört das wenig. Sie feuern weiter frenetisch ihre Mannschaft mit verschiedenen Liedern an. Die Fans der Kölner Haie besitzen hinter jedem Tor einen Fanblock. Deshalb wird in der Drittelpause immer abwechselnd „Haie“ hin und her gerufen, die Toilette aufgesucht oder aber etwas zu Essen organisiert. Die Fans – von jung bis alt – haben eindeutig eine Menge Spaß. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen, alles ist exakt einstudiert. Für die Koordination sorgt ein Anführer. Über ein Megafon gibt er die Lieder und die Aktionen vor. In den ersten Reihen schwingen Kollegen zu Beginn jedes Drittel riesige Fahnen, sodass man nichts mehr sieht, wenn man direkt hinter ihnen steht Doch selten halten die Fahnenschwinger dies lange durch.

Im zweiten Drittel geht das Team aus Wolfsburg in Führung. Die Stimmung im Haie-Fanblock ist gedrückt. In ersten Reaktionen nach dem Gegentreffer wird über das Abwehrverhalten der Mannschaft aus Köln geflucht, lautstark diskutiert und geschimpft. Nach ein paar Minuten jedoch wurden die Kölner Haie wieder lautstark von ihrem Anhang angefeuert. Die Fans wollen das Spiel noch nicht verloren geben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ein Drittel kann sehr lange sein“, brüllt ein eingefleischter Haie-Fan.

Letztes Drittel des Spiels, letzte Chance. Sowohl die Kölner Spieler, als auch die Fans geben alles, damit ihre Saison heute noch nicht zu Ende geht. Fünf Minuten vor Schluss steht die gesamte Arena auf und klatscht für die Spieler. Doch leider hilft es nicht. Die Kölner Haie verlieren das Spiel gegen die Grizzlys Wolfsburg mit 0:1. Damit ist die Saison der Haie beendet. Die Enttäuschung ist groß. Bei den Spielern auf dem Eis und den Fans auf den Tribünen. Dennoch drehen die Spieler eine Ehrenrunde und werden trotz der Niederlage von den Fans lauthals gefeiert und bekommen Standing Ovations. Klar sind nach dem Spiel viele Fans traurig und enttäuscht. In einigen Augen sind Tränen zu sehen: „Leider sind wir rausgeflogen. Das ist so bitter“, sagt mein Nachbar, „aber wir werden immer zusammenstehen, in guten wie in schlechten Zeiten. Dieser Zusammenhalt des ganzen Vereins, der macht diesen Club so einzigartig“.

Nach dem Spiel kehrt man wieder ins „Henkelmännchen“ zurück. Mit ein paar Kölsch wird die Enttäuschung runtergespült. Langsam macht sich ein Fan nach dem anderen nach Hause auf. Aus der Kleidung fallen die letzten Konfettireste. Erinnerungen an einen traurigen Abend, der so hoffnungsvoll begonnen hatte. Doch das jähe Saisonaus ist schnell verdaut. Unverzüglich wird der Blick nach vorne gerichtet. Die neue Saison beginnt bald. Die Vorfreude steigt.

Tammo Heinzler

Sportmode im Lauf der Zeit – Vom Sportartikel zum Fashion-Mainstream

1986: Die US-amerikanische Hip-Hop-Band Run DMC hält bei einem ihrer Konzerte einen Adidas-Schuh in die Luft. Nicht einfach so, sondern weil sie in „My Adidas“ darüber ein Lied geschrieben haben. Ein Mitarbeiter der Sportartikel-Firma steht im Publikum und berichtet später seinem Arbeitgeber.

Ob nun die Baseball-Cap, das Basketball-Trikot oder besagter Schuh, der „Adidas Superstar“ – bestimmte Sportartikel finden immer wieder den Weg vom Sportplatz oder der Sporthalle in die Kleiderschränke der Bevölkerung, um im Alltag getragen zu werden. „Street Fashion“ nennt sich das dann. Das Schuhmodell „Superstar“ der deutschen Sportartikelmarke „Adidas“ gilt als Auslöser dieser Bewegung. 30 Jahre später findet man den „Adidas Superstar“ immer noch an den Füßen von jungen Leuten und Junggebliebenen.

Der Superstar 1 „Run DMC“ kam 2005 zum 35-jährigen Jubiläum des Schuhs limitiert auf 5.000 Paar auf den Markt. Rechte: superstar.shoes / Frank Meyer

Schon 1969 wurde der Superstar als knöchelhohe Basketball-Version eines Volleyball-Schuhs vorgestellt. Als erster und damals einziger „low-top“-Schuh (also einer, der nicht bis über den Knöchel reicht), komplett aus Leder gefertigt, fand er schnell großen Anklang unter den US-amerikanischen Basketballern der Profi-Liga NBA. Man munkelt, 75% der Liga-Spieler sollen ihn nach kurzer Zeit getragen haben, darunter Kareem Abdul-Jabbar, einer der erfolgreichsten Basketballer aller Zeiten.

Knapp 20 Jahre später veröffentlichte die Hip-Hop-Band Run DMC auf ihrem Album „Raising Hell“ von 1986 den Song „My Adidas“, in dem sie über den „Superstar“ sang. Sie wollte damit auf die Situation hart arbeitender Menschen in sozial ärmeren Gegenden aufmerksam machen, wie diese sich über das Besitzen von Sportschuhen freuten.

standin on 2 Fifth St.
funky fresh and yes cold on my feet
with no shoe string in em, I did not win em
I bought em off the Ave with the black Lee denim

„Ich habe sie nicht gewonnen, ich habe sie auf der Straße gekauft“, heißt es in ihrem Lied. Bei einem ihrer Konzerte hielt die Rap-Gruppe dann vor 40.000 Menschen ihre „Superstars“ zum Lied in die Luft. Einer der Zuschauer war ein Adidas-Mitarbeiter, wodurch die Hersteller von der Hommage an ihren Schuh erfuhren. Run DMC wurde als erste Hip-Hop-Gruppierung von Adidas für eine Kooperation unter Vertrag genommen und in der Folge kamen eigene Versionen des Schuhs sowie ganze Mode-Kollektionen mit dem Emblem der Rap-Band auf den Markt.

Der Superstar 80s ist eigentlich ein Modell aus den 80er Jahren. Dieser spezielle Schuhe „80s Vintage Footpatrol“ wurde aber 2015 mit fünf anderen Jubiläumseditionen herausgebracht. Rechte: superstar.shoes / Frank Meyer

Inzwischen gibt es den Schuh als Badeschlappe, als Snowboard-Boot, als Golf-Schuh, aus gehäkeltem Stoff oder recyceltem Material, in jeder erdenklichen Farbe oder Farbkombination. Die Liste ist lang. Einige Modelle wurden in limitierter Zahl produziert.  Sammler legen mittlerweile vierstellige Summen für den Lederschuh auf den Tisch. Derzeit führt der offizielle Online-Shop 202 verschiedene Modelle des  Schuhs mit den drei Streifen. Nach Run DMC  gibt es inzwischen weitere Musiker, die zusammen mit Adidas Mode auf den Markt bringen. Dazu zählen zum Beispiel Rita Ora, Pharell Williams oder Kanye West. Run DMC haben sich zwar inzwischen aufgelöst, der Schuh, mit dem sie in den 1980ern ihre größten Erfolge feierten, erfreut sich auch 30 Jahre später  immer noch großer Beliebtheit.

Marvin Tischler

Die Zeit für Zeitschinder läuft ab

Warum der Fußball bald keine Nachspielzeit mehr braucht

Es gehört zum Fußball wie das Abseits oder die Gelbe Karte: das Zeitspiel. Nicht nur in wichtigen Final- oder Entscheidungsspielen, sondern auch wenn es „nur“ um wichtige Punkte im Ligaalltag geht, ist das Schinden von Sekunden sehr beliebt. Sei es durch Wegschlagen des Spielballs oder durch das Simulieren einer Verletzung – Profifußballer finden immer einen Weg, die Uhr herunterzuspielen. Das ist so, gab es schon immer und wird es immer geben – besonders südländische Nationen haben traditionell den Ruf der Simulanten inne. Was des einen Fan Freude ist, ist des Gegners Leid. Gellende Pfeifkonzerte und Beschimpfungen sind häufig die Folge, wenn ein Spieler angeblich eine Verletzung simuliert oder bei einer Auswechslung jedem einzelnen Fan einzeln zuklatscht und sich dabei noch bei allen Schiedsrichtern persönlich per Handschlag bedankt.

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Klar ist, dass es diese Methoden schon lange gibt und auch das gute Recht eines Teams ist, die Punkte an der gegnerischen Eckfahne zu sichern. Nichts ist ärgerlicher, als Minuten vor dem Schlusspfiff mit einer knappen Führung im Rücken noch leichtsinnig in einen Angriff zu laufen. Dennoch hat sich die Art des Zeitspiels im Laufe der letzten Jahre gehörig verändert. Während früher die Ballsicherung in der Hälfte des Gegners in den letzten Minuten sehr populär war, häuft sich nun das Ausnutzen des allseits anerkannten „Fair Play“. Es ist üblich, bei einer Verletzung des Gegners – ohne dass der Schiedsrichter auf Foul entscheidet – den Ball ins Aus zu spielen, damit der Spieler behandelt werden kann. Oft ist das durchaus nötig und richtig und eine Geste des gegenseitigen Respekts. Immer häufiger wird jedoch beklagt, dass Spieler eine Verletzung simulieren, um eben diese Unterbrechung zu provozieren. Befindet sich das gegnerische Team im Moment der angeblichen Verletzung aber in einem aussichtsreichen Angriff, zögert man als angreifende Mannschaft natürlich zweimal, den Ball ins Seitenaus zu spielen. Zumal der angeblich schwer verletzte Spieler häufig nach wenigen Sekunden wieder vollkommen genesen über den Platz läuft.

Nicht sehr viel beliebter machen sich Spieler, die sich in der Schlussphase des Spiels nach harmlosen Fouls lange behandeln lassen und so wertvolle Zeit schinden, um möglicherweise den wertvollen Vorsprung über die Zeit zu retten. Natürlich lässt sich nicht auf die Schnelle bestimmt sagen, ob ein Spieler wirklich schwer verletzt ist und deswegen eine lange Behandlungspause braucht oder nicht. Darum werden immer mehr Stimmen laut, die ein Anhalten der Uhr im Fußball fordern. In anderen Sportarten wie beim Basketball oder Handball wird dies bereits praktiziert und Zeit schinden ist deshalb sinnfrei, weil die Behandlungszeit nicht von der Spielzeit abgeht. Damit würden auch die Diskussionen über eine besonders lange Nachspielzeit, die laut manchen Fanlagern dem FC Bayern München des Öfteren zuteilwird, enden.

Natürlich gibt es auch immer Stimmen gegen Veränderung, die die Tradition und das klassische Regelwerk erhalten wollen. Doch in jüngster Zeit wurde schon viel über Veränderungen von Regeln diskutiert, selbst das Abseits stand auf dem Prüfstand. Da müssen sich auch alteingesessene Fußball-Romantiker mit dem möglichen Anhalten der Uhr anfreunden. König Fußball wird es überleben – der Simulationskönig nicht.

Tony Marquardt

Fünf Stunden am Abgrund

Manchmal vergeht Zeit ganz langsam. Und manchmal vergeht sie ganz schnell. Dann fühlen sich fünf Stunden an wie eine halbe. Besonders dann, wenn Adrenalin durch den Körper schießt. So auch in den fünf Stunden, die man mit dem Mountainbike braucht um 64 Kilometer zurückzulegen und 3400 Höhenmeter zu überwinden… immer am Abgrund entlang.

Unweit von La Paz, der Hauptstadt Boliviens, schlängelt sich ein schmales Sträßchen die atemberaubenden Berge hinab, das die Anden mit dem tiefen Yungas, dem Urwald, verbindet. Hierher verirren sich kaum noch Einheimische, es sei denn, sie wollen etwas verkaufen oder leben nun einmal hier. Es sind die Touristen, die scharenweise an diesen Ort pilgern, auf der Suche nach einem Abenteuer. Und einem Adrenalinkick. Vielleicht auch nur um erzählen zu können, dass sie überlebt haben. Die Todesstraße, Death Road oder im Spanischen „Camino de la Muerte“ zieht jährlich tausende Touristen an und in ihren Bann. Es ranken sich Sagen darum, wie viele Mountainbiker schon auf dieser Strecke ums Leben gekommen sind. Ob es nun 30 oder weitaus mehr sind, weiß keiner genau.

Mitten in die Berge Boliviens hineingebaut: die Death Road schlängelt sich hinab in den Urwald. Bildrechte: Rike Held

Angeblich sind auch die eigentlich fahrradaffinen Niederländer meistens an den Unfällen beteiligt. Fakt ist, dass die ehemalige Hauptverkehrsroute der Bolivianer unzählige Autofahrer und schon einige Mountainbiker das Leben gekostet hat. Was sie so gefährlich macht und warum sie trotzdem so beliebt ist? In fünf Stunden lässt sich das selbst erfahren.

Stunde 1

In den frühen Morgenstunden treffen sich die mutigen Mountainbiker, um sich der Herausforderung der Death Road zu stellen. Der Ausgangspunkt liegt am La Cumbre Pass auf über 4.600 Meter Höhe. Die Wolken hängen in den Bergen und vor den Augen. Der Wind frischt die eh schon kalte Luft noch einmal mehr auf und man ist froh, dass man über seine Sportklamotten inklusive Regenhose und -jacke nun die Schutzausrüstung anzieht: Schienbeinschoner, Knie- und Ellenbogenschoner, Handschuhe und Motorradhelm. Dann stehen sie da in Reih‘ und Glied, zwölf völlig maskierte Radfahrer. Die vier mitgereisten Guides verteilen die Fahrräder. „Bremsen testen, Luftdruck testen und schaut, dass alles okay ist“, lautet die knappe Anweisung des Guides mit dem typisch bolivianischen Namen Vladimir. Dann stehen alle das erste Mal am Abgrund. Hier, am Ausgangspunkt, bekommt man einen guten Eindruck von der Höhe, die es nun mit dem Downhill Mountainbike zu bewältigen gilt. Aber von dem angepriesenen und anscheinend  tödlichen Abgrund ist noch nichts zu sehen. Vor den Fahrern schlängelt sich eine geteerte Straße die Berge hinunter, die genug Platz für mindestens zwei LKWs bietet. Die einzigen Hindernisse scheinen die Schlaglöcher und die Nässe des trüben Tages zu sein. „Die ersten Kilometer solltet ihr euch an das Rad gewöhnen und vor allem eure Bremsen und euch selbst testen. Nutzt die Gelegenheit euch einzufahren“, kommt die Aufforderung von dem Guide mit dem etwas typischeren Namen Juan. Die knapp 20 Kilometer auf der neu geteerten Straße sind ein Genuss. Es ist zwar nass und die Sicht durch Wolken und Nebel nicht sehr üppig, aber man kann sich ans Mountainbike gewöhnen und es macht Spaß sich mit den anderen Fahrern kleine Rennen zu liefern. Allzu lange hält es aber nicht an und nach ein paar Kurven und einem Tunnel tauchen auf der rechten Seite einige kleine Hütten auf. Der erste Teil ist damit absolviert.

15 Minuten Pause

Pause. Die Fahrräder werden abgestellt und noch einmal Luft in die Reifen nachgefüllt oder kleinere Probleme hier und da behoben. Zwei Cholitas, wie die bolivianischen Frauen in typischer Tracht genannt werden, versorgen alle mit Getränken und kleinen Snacks. Es werden Witze gerissen, wie einfach doch die Death Road zu befahren ist. Die Stimmung ist blendend. Den Guides erscheint sie wohl ein wenig zu übermütig, denn sie drängen darauf weiter zu fahren. Sie wollen uns den Beginn der „echten“ Death Road zeigen.

Stunde 2 und 3

Jedem, der zuvor noch prahlte neue Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen, vergeht die Lust auf den nächsten Witz schnell. Plötzlich ist es vorbei mit dem Asphalt. Auch stehen keine Leitplanken mehr rechts und links der Straße, die einen schlimmen Sturz verhindern könnten. Stattdessen schlängelt sich ein ungefähr anderthalb Meter breiter Pfad, anders kann man es nicht nennen, den Berg hinab.

Nebel und Pfützen durch Wasserfälle sind nur zwei der Schwierigkeiten, die den Fahrern begegnen. Bildrechte: Rike Held

Die Death Road hat begonnen. Auf der rechten Seite steile Felswand und auf der linken Seite steiler Abgrund. Bis zu 700 Meter geht es senkrecht hinunter. Nichts, was einen im Fall eines Sturzes aufhalten könnte. Hin und wieder stehen Kreuze am Wegesrand. Der Pfad ist mit Geröll übersät und man fragt sich, wie die zwei schmalen Gummireifen unter einem diese überwinden sollen. Viel Zeit zum Überlegen bleibt aber nicht. Juan und Vladimir drängen, sie wollen anscheinend so schnell wie möglich nach unten. Na gut, sie machen das ja auch fast tagtäglich. „Haltet eure Pedale in der waagerechten, damit ihr nicht an den großen Steinen hängen bleibt und einen Salto vorwärts oder den Abgrund hinunter macht“, heißt der gut gemeinte Tipp an die Fahrer. Diese wünschen sich noch viel Erfolg, viel Spaß, je nachdem, nach was ihnen der Sinn gerade steht. Dann wird der Helm aufgesetzt und rauf auf das Mountainbike. Ein Guide fährt voraus, die Teilnehmer folgen, wie an einer Perlenschnur aufgezogen und ein Guide bildet den Abschluss, damit kein langsamerer Fahrer zurückbleibt. Oder um nach einem Sturz zu helfen. Unterstützt wird er von einem Minivan, der der Gruppe folgt. Er verfügt über Verpflegung, Erste Hilfe-Kästen, Ersatzteile, Ersatzräder und Platz für ermüdete oder verunfallte Personen.

Die ersten Meter und Kurven werden ganz vorsichtig gefahren, und die Bremsen sind im Dauereinsatz. Weil so viel Konzentration auf die anspruchsvolle Strecke gefordert ist, bleibt kaum Zeit, um die wunderschöne Landschaft zu bewundern. Der Weg ist durchaus breit genug, um ihn mit dem Rad zu befahren. Sollte jedoch ein Auto entgegenkommen, was durchaus noch passieren kann, dann wird es eng. Zu einer gewissen Verunsicherung sorgt, dass alle angewiesen werden am linken Rand des Weges zu fahren, also direkt am Abgrund entlang. Sollte einem hier das Rad ausbrechen, dann war es das wohl. Aber so lautet nun einmal die offizielle und wohl einzige Verkehrsregel der Death Road: Wer von oben kommt, muss am Abgrund entlangfahren und hat niemals Vorfahrt. So steuert man vor sich hin. Bremsen. Lenken. Bremsen. Immer voll darauf konzentriert, das Mountainbike durch das Labyrinth aus Steinen zu steuern und dabei ja keine falsche Bewegung zu machen.

Der Abgrund an der Strecke ist durchaus tödlich. Bis zu 700 Meter geht es steil nach unten. Bildrechte: Rike Held

Trotzdem werden nach einiger Zeit die meisten mutiger und erhöhen das Tempo. Testen ein wenig die Grenzen aus. Doch unsere Guides bremsen uns aus, halten an. Und erst jetzt bemerkt man, wie viel Schweiß einem den Rücken runter läuft. Und mit der geringen Höhenlage hat sich auch die Umgebung verändert – von schneebedeckten Bergen zu grün bewachsenen Felsen. Auf nur noch gut 3.000 Metern Höhe kommt man dem tropischen Klima immer näher.

Auf dem folgenden Abschnitt kommen zu Pflanzen und Steinen auf dem Weg auch noch Wasserfälle hinzu. „Lasst etwas mehr Abstand, denn die großen Pfützen bremsen euch aus. Schnelle Fahrer und die, die sich mehr trauen zuerst und der Rest folgt“, schreien die Guides, schon wieder halb auf ihren Rädern. Die Gruppe beeilt sich hinterher zu kommen. Schon nach der nächsten Kurve wird klar, was sie meinten und die gesamte Mannschaft bleibt in einer großen Pfütze stecken, die ein Wasserfall auf dem Weg hinterlassen hat und sich über die gesamte Breite ausdehnt. Also absteigen und schieben. Danach wird’s gemütlicher. Zwar werden die Arme immer noch gut durchgeschüttelt von der unruhigen Fahrt auf dem welligen Untergrund, aber unter einem erneuten Wasserfall hindurchzufahren ist für alle eine willkommene Abkühlung. Und nach einer weiteren guten Stunde Fahrt ist schon das nächste Zwischenziel erreicht.

Stunde 4 und 5

Auf den längsten und steilsten Abschnitt der Death Road folgt erst einmal eine längere Pause. Die Arme und vor allem Finger haben diese auch bitter nötig. Das ständige Bremsen geht auf die Muskeln und manche können kaum noch die Finger krümmen. Andere schaffen es mit letztem Einsatz von ihrem Rad abzusteigen. Man glaubt kaum, dass es nur bergab gegangen sein soll, so kaputt wie sich alle fühlen. Dabei ist das Ziel ist noch nicht erreicht. Es liegt noch ein ebenso langes Stück vor den Fahrern. Die gute Nachricht: es geht in ein seichteres Gebiet. Die schlechte Nachricht: es wird staubig und heiß. Das tropische Klima auf mittlerweile niedrigem Niveau von unter 2.000 Metern belastet den Körper, wenn auch auf eine ganz andere Art. Eine erneute Fahrt durch einen Wasserfall kommt da sehr gelegen. Allerdings bleibt auch hier keine Zeit sich der atemberaubenden Landschaft zu widmen, denn immer häufiger kommen uns Fahrzeuge entgegen, wollen den Berg erklimmen. Dann wird es sehr eng. Beim Fahrstil der Bolivianer verwundert es nicht, dass auf dieser Straße schon einige Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Zur Abfahrt bereit: Neben dem Mountainbike gehört Schutzausrüstung sowie Regenkleidung zur Ausstattung der Mountainbiker. Bildrechte: Rike Held

Unachtsames Kurvenfahren und zu hohes Tempo können einen unheilvollen Zusammenstoß mit einem Van oder Truck bedeuten. Beruhigend ist nur, dass die Straße inzwischen bessere Ausweichmöglichkeiten bietet und nicht mehr komplett mit Geröll bedeckt ist. Außerdem gibt es Juan. Sobald er drohende Gefahr erkennt, warnt er uns. „Auch deshalb finden die Death Road Touren früh morgens statt. Wir brauchen nicht nur einige Zeit, sondern können so auch Begegnungen mit Fahrzeugen in den sehr steilen und den engsten Teilen der Strecke vermeiden“, erklärt er uns. In den tieferen Regionen trifft man auf immer mehr Mountainbike-Gruppen. Meist sind wir schneller, setzen zum Überholen an. Täglich fahren bis zu 100 Fahrer die unebene Strecke hinab. Da kann es schon einmal voll werden auf der Straße.

So langsam macht sich nun die physische und psychische Anstrengung bemerkbar. Die Finger können kaum noch die Bremsen halten. Eine kurze Auszeit gibt es für sie, als es über einen sandigen Abschnitt geht. Da werden nur die Beine beansprucht. Ein gelungenes Ganzkörper-Workout.

Im letzten Abschnitt ist es dann so heiß, dass viele sich einiger Lagen der Kleidung entledigen und fast nur noch mit Schutzausrüstung fahren. Nach etwa fünf Stunden liegen die ersehnten letzten Kurven vor uns. Noch einmal geht es durch einen kleinen Bach, an dessen Seite Einheimische sitzen und die Gringos anfeuern. Völlig unerwartet taucht plötzlich das erste Dorf seit knapp 60 Kilometern, mitten im Urwald von Bolivien, auf. Wir haben es geschafft, haben das Ende der Death Road erreicht.

Bei all der Konzentration, die die Strecke fordert, darf der Spaß an dem Abenteuer nicht fehlen. Bildrechte: Rike Held

Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, denn wer sich die Death Road hinunter wagt, durchquert in kurzer Zeit fast alle Klimazonen, die Südamerika zu bieten hat und bekommt eine unglaubliche Aussicht geboten. Das macht die Straße sicher zu einer der schönsten Mountainbike-Strecken, die es gibt. Ob es aber tatsächlich die gefährlichste ist? Sicher gehört sie nicht zu den anspruchsvollsten Strecken. Ganz unsportlich und untrainiert mit dem Mountainbike darf man aber auf keinen Fall sein. Denn ist man nicht permanent hoch konzentriert, kann die Strecke tatsächlich sehr gefährlich werden. Dann sind fünf Stunden ganz schnell vorbei.

Rike Held

Bestzeit – Die Formel 1 im Geschwindigkeitsrausch

Fünf Sekunden. Eine verschwindend geringe Zeitspanne möchte man meinen. Spricht man jedoch im Motorsport von einer Verbesserung der Rundenzeiten um bis zu fünf Sekunden, so erscheint dies unerreichbar.

Fünf Sekunden. Das war vor der laufenden Formel 1-Saison die als möglich eingestufte Verbesserung der Rundenzeiten im Vergleich zu den gemessenen Zeiten der Vorsaison. Nach den ersten sechs Rennen des diesjährigen Rennkalenders lässt sich sagen, dass diese Marke noch nicht geknackt wurde. Durchschnittlich 3,9 Sekunden schneller schießen die Boliden der zehn Teams über die Ziellinie. Und das, obwohl die Höchstgeschwindigkeiten der Autos auf den Geraden im Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen haben. Außerdem kommen die Wagen nach der neuen Vorgabe zum Mindestgewicht mittlerweile auf rund 722 Kilogramm, etwa 20 Kilogramm mehr als noch vor zwei Jahren. Nicht nur für Red Bull-Motorsportberater Helmut Marko wirken sie dadurch zu „lastwagenartig“.

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Woher kommt dennoch die deutlich gesteigerte Rennpace?

 

Die niedrigeren Höchstgeschwindigkeiten auf den Geraden lassen die Antwort bereits erahnen. Den großen Zeitvorsprung fahren die neu konzipierten Autos in den Kurven heraus. Ganze 30 Stundenkilometer schneller als bisher kann etwa die dritte Kurve auf dem „Circuit de Catalunya“ in Barcelona durchfahren werden.

Grundlage für diese Steigerung waren Regeländerungen zur aktuellen Saison. Breitere Autos, breitere Reifen und ein neues Design. Die Formel 1 soll nach Jahren der Dominanz durch die Silberpfeile von Mercedes wieder spektakulärer und interessanter werden. Genau wie Front- und Heckflügel hat auch das neue Chassis 20 Zentimeter an Breite gewonnen. Die Reifen des Herstellers Pirelli legen um 25% zu, an den Vorderreifen von 245 auf 305 Millimeter und an der Hinterachse von 325 auf 405 Millimeter. Dadurch besitzen sie eine größere Auflagefläche als bisher, was in Kombination mit dem breiteren Chassis für besonderen Grip sorgt. Die auffällige, neu designte Heckflosse zwischen Heckflügel und Fahrer presst das Fahrzeug noch stärker auf die Straße. Dieser neu gewonnene Halt ermöglicht es den Fahrern, einige Kurven ohne nennenswerten Bremsvorgang zu durchfahren. „Manche Kurven werden gar nicht mehr Kurve sein, aber dafür körperlich anstrengend“, sagt der ehemalige Formel 1-Weltmeister und mittlerweile zurückgetretene Jenson Button über die neuen Möglichkeiten der Boliden.

Trotz der bisherigen Erfolge der neuen Regelungen stoßen die neuen Autos auch auf Kritik. Überholmanöver seien durch das Verbreitern der Fahrzeuge schwieriger geworden. Hiermit gehe der eigentliche Sinn der Regeländerungen verloren, bemängeln Kritiker. „Indem wir zu einem Auto übergehen, das enormen Abtrieb hat und aerodynamisch sehr komplex ist, wird das das Überholen schwieriger machen“, warnte Mercedes‘ Chefingenieur Aldo Costa bereits vor der Saison.

Die meisten Fahrer indes sind begeistert von ihren neuen Rennsemmeln. Ihnen imponiert vor allem der neu gewonnene Kurvenspeed. „Die Autos machen sehr viel Spaß“, bestätigt Felipe Massa (Williams). „Für die Fahrer ist es jetzt viel mehr wie 2006, 2007 oder 2008. Da hatten wir bereits viel Abtrieb. Es macht wirklich Freude.“

Auch in Sachen Sicherheit ist in den nächsten Jahren mit weiteren Änderungen zu rechnen. Demnach sollen die Fahrer von der kommenden Saison an durch eine PVC-Scheibe vor herumfliegenden Teilen geschützt werden. Schließlich hat bei allem Streben nach maximaler Geschwindigkeit die Sicherheit der Fahrer oberste Priorität.

Benedict Hottner