„Die Welt ist für Männer gemacht.“ So lautet die zentrale These der britischen Autorin Caroline Criado Perez. Zumindest, wenn es nach der Wissenschaft geht, hat sie recht. Jahrzehntelang galt in der Medizin und Sportwissenschaft der 75-Kilogramm-Mann als Maßstab. Frauen wurden kurzerhand als „kleine Männer“ behandelt, schreibt Perez in ihrem Buch Invisible Women.
Das Problem hat einen Namen: Gender-Data-Gap. Gemeint ist die systematische Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Studien. Denn Erkenntnisse, die überwiegend auf männlichen Probanden basieren, lassen sich nicht einfach auf Frauen übertragen. Das stellt auch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft klar. Die Folgen: Trainingskonzepte, medizinische Therapien und Smartphones sind bis heute überwiegend auf den männlichen Körper zugeschnitten.
Zyklusforschung im Jugendsport: Neue Perspektiven aus Tübingen
Julia Dietz will das ändern. Die Sportwissenschaftlerin forscht an der Universität Tübingen zu einer Frage, die lange niemanden interessierte: Wie beeinflusst Sport den Menstruationszyklus bei Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren?
Die Suche nach Antworten wurde nicht zuletzt durch ihre eigene Erfahrung als Trainerin im Fußball geprägt. Während ihrer Ausbildung zur Trainer-B-Lizenz fiel ihr auf, dass der weibliche Menstruationszyklus dort überhaupt keine Rolle spielte. Dietz entwickelte einen Fragebogen: „Er untersucht, wie Mädchen ihren Menstruationszyklus erleben und ob im Schul- und Vereinssport ein genereller Kommunikationsbedarf besteht“, sagt sie. „Ziel sei es nicht nur, neue Informationen zu gewinnen, sondern auch für das Thema zu sensibilisieren. Dass sich etwas bewegt, zeigt ein Blick in den Profifußball: „Der FC Bayern München setzt im Frauen-Nachwuchs bereits auf digitale Tracking-Systeme. Spielerinnen dokumentieren ihr tägliches Wohlbefinden, wie beispielsweise Schlaf, Stresslevel oder subjektive Beanspruchung“, sagt Dietz. Der Zyklus fließe dabei als ein Faktor unter vielen ein. Trainerinnen und Trainern könnten so einzuschätzen, wie belastbar eine Spielerin an einem bestimmten Tag belastbar sei.
Sign of good taste: Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp)
Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) hat sich ausführlich mit dem Gender-Data-Gap im Sport auseinandergesetzt. Frauen reißen sich das vordere Kreuzband zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Das ist kein Zufall – und kein biologisches Schicksal. Es ist auch ein Datenproblem: Präventions- und Therapieprogramme basieren überwiegend auf Studien mit männlichen Teilnehmern, wie das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) dokumentiert.
Der Kreuzbandriss steht damit exemplarisch auch für ein Umdenken: weg von einseitiger Betrachtung hin zu einer differenzierten und inklusiven Sportforschung, die über die männliche Norm hinausgeht.
Blinder Fleck: Ansätze aus Forschung und Praxis
Dabei gibt es wirksame Gegenmaßnahmen. Das Präventionsprogramm FIFA 11+ injury prevention program for soccer players untersuchte über 6.000 Spielerinnen und Spieler aus Studien in sechs Ländern. Das Ergebnis: strukturierte Warm-up-Programme und gezielte Trainingsanpassungen senkte das Verletzungsrisiko um rund 30 Prozent. Besonders wirksam zeigt sich das Programm bei nicht-kontaktbedingten Verletzungen der unteren Extremität, die häufig im Amateur- und Jugendfußball auftreten. Das Risiko für sowohl moderate als auch schwere Verletzungen sinkt enorm. Jedoch betont die Studie, dass der individuelle Trainingseffekt stark von der korrekten und konsequenten Umsetzung der Übungen abhängt.
Auch die Industrie beginnt umzudenken: Nike brachte 2023 mit dem Phantom Luna einen neu entwickelten Schuh auf den Markt, der gezielt auf die Anatomie von Frauenfüßen abgestimmt ist – unter anderem mit einer veränderten Druckverteilung. Einen wissenschaftlichen Beleg für ein geringeres Verletzungsrisiko gibt es bislang nicht. Aber der Ansatz ist ein Zeichen dafür, dass geschlechtsspezifische Bedürfnisse im Sport zunehmend in den Fokus rücken.
Frauen brauchen keinen pinken Schuh und keine beheizte Pausenbank. Sie sind kein Sonderfall. Der weibliche Körper ist Teil der Norm – es ist Zeit, dass die Sportwissenschaft das versteht.
Patricia Wetter
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