Ein Kommentar von Peter Güth
Es war eine Entscheidung von wenigen Zentimetern Stoff – und dennoch von großer Wirkung. Als die norwegischen Beachhandballerinnen im Sommer 2021 Shorts trugen statt Bikinihosen, brachen sie mehr als eine Kleiderordnung. Sie zeigten, wie absurd die Regeln sind, unter denen Sportlerinnen antreten müssen. Die Geldstrafe, die darauffolgte, war dabei nur der Anfang. Sie machte ein viel größeres Problem sichtbar: nämlich Sexualisierung auf Kosten der Selbstbestimmung.
Denn während Männer seit jeher in lockerer Sportkleidung antreten dürfen, wird den Frauen teils heute noch vorgeschrieben, wie viel Haut sie zu zeigen haben. Nicht aus sportlichen, sondern aus ästhetischen Gründen. Schuld daran sind die Sportverbände.
In zahlreichen Sportarten gelten bis heute eng gefasste, sexualisierte Kleidervorschriften für Athletinnen. Diese Regeln haben mit Funktionalität wenig zu tun – sie sind auf ein bestimmtes Bild ausgerichtet. Ein Bild, das vor allem denen gefallen soll, die den Sport finanzieren. Nämlich Sponsoren und Zuschauenden. Der Vergleich mit den männlichen Kollegen macht die Ungleichbehandlung deutlich: mehr Stoff, mehr Bewegungsfreiheit, weniger Diskussion.
Eine im Jahr 2023 veröffentlichte Studie unter der Leitung der englischen Hockey-Nationalspielerin Tess Howard zeigt zudem, dass provokante oder fremdbestimmte Kleidungsvorgaben nicht nur im Spitzensport problematisch sind. Bereits bei Kindern und Jugendlichen können sie zu Unsicherheit, Leistungsdruck und im schlimmsten Fall zur Entfremdung vom Sport führen. Der Grund: Wer sich unwohl fühlt, bleibt nicht.
Doch es gibt Gegenbewegung: Im Turnen setzen Athletinnen wie Elisabeth Seitz bewusst auf Ganzkörperanzüge – als Zeichen gegen Sexualisierung und mehr Selbstbestimmung. In vielen Teamsportarten hingegen werden Spielerinnen noch immer mit weißen Shorts auf den Platz geschickt, ungeachtet der Situation menstruierender Athletinnen.
Der Protest der Norwegerinnen 2021 zeigt besonders: Das Problem ist noch nicht gelöst. Als Reaktion darauf wurde zwar die Bikini-Hosen-Pflicht ausgesetzt, weiterhin vorgeschrieben blieb allerdings eine enganliegende Passform.
Dieser erste Schritt ist dennoch entscheidend: Er zeigt, dass Veränderung möglich ist – und dass Widerstand Wirkung hat. Protest und Öffentlichkeit können Regeln kippen.
Doch das eigentliche Problem bleibt. Es geht nicht um mehr oder weniger Stoff. Es geht darum, dass nicht Verbände und Funktionäre bestimmen sollten, wie viel Haut eine Athletin zeigt, sondern sie selbst. Selbstbestimmung statt Sexualisierung muss das Ziel sein. Starre Vorschriften setzen Sportlerinnen unter Druck. Sie lenken ab von dem, worum es eigentlich gehen sollte: der Leistung. Selbstbestimmung dagegen stärkt Fairness und Konzentration. Wer frei wählen kann, tritt selbstbewusster an.
Der Forderung nach Entscheidungsfreiheit wird häufig ein wirtschaftliches Interesse entgegengesetzt. Knappere Kleidung sorge für bessere Bilder, mehr Aufmerksamkeit, höhere Einschaltquoten. Dieses Argument unterstützte der ehemalige FIFA-Chef Sepp Blatter bei der Überlegung, wie man Frauenfußball attraktiver gestalten könnte. Eine steinzeitliche Denkweise.
Doch das grundlegende Problem wird dadurch deutlich. Vermarktungsinteressen dürfen nicht über der Entscheidungsfreiheit der Sportlerinnen stehen. Das heißt nicht, dass Vermarktung automatisch falsch ist. Viele Sportlerinnen nutzen sie bewusst und erfolgreich. Entscheidend ist: Sie müssen selbst darüber bestimmen können, was sie tragen. Verbände und Funktionäre dürfen sie nicht dazu drängen.
Ganzkörperanzüge im Turnen, längere Hosen im Beachhandball und Diskussionen um weiße Hosen in Teamsportarten zeigen zwar, dass ein Umdenken eingesetzt hat. Geschlechtsneutrale und flexible Regeln sind erkennbar. Doch diese Fortschritte sind uneinheitlich und fast immer das Ergebnis von Druck durch Athletinnen. Von einer selbstverständlichen Gleichbehandlung ist man weit entfernt.
Deshalb braucht es eine klare Forderung: Sportverbände müssen Wahlfreiheit verbindlich festschreiben – in allen Disziplinen und für alle Geschlechter. Ein Sport, der Selbstbestimmung respektiert, stärkt Leistung, Fairness und Teilhabe. Nicht die Kamera darf entscheiden, was Sportlerinnen tragen. Sondern sie selbst.
