„Ich habe alles gelesen, was man Schlimmes über sich und seine Familie lesen kann. Es macht was mit mir, aber ich muss lernen, damit umzugehen. Es ist der Alltag. Leider.“ (Eva Lys im Interview mit der Zeit)
Mit einem Zusammenschnitt schockierender Nachrichten hat Eva Lys im Herbst 2025 auf ihrem Instagram-Account ein ansonsten oft vernachlässigtes Thema in den Fokus gerückt: Hatespeech. „Ich habe alles gelesen, was man Schlimmes über sich und seine Familie lesen kann. Es macht was mit mir, aber ich muss lernen, damit umzugehen. Es ist der Alltag. Leider“, sagte die derzeit beste deutsche Tennisspielerin wenig später in einem Interview mit der Zeit.
Wer in der Öffentlichkeit steht, bietet zwangsläufig eine Projektionsfläche und somit auch Raum für Anfeindungen. Daniel Nölleke, Kommunikations- und Medienforscher an der Deutschen Sporthochschule Köln, beschreibt Hass im Netz als festen Bestandteil digitaler Sportöffentlichkeit, mit dem vor allem Frauen konfrontiert sind. „Für viele Sportlerinnen ist es Normalität geworden. Man steht in der Öffentlichkeit und bietet nun mal eine Plattform dafür“, sagt Nölleke.
Social Media ist für Sportlerinnen Karrierechance und Risiko zugleich. Plattformen, die Sichtbarkeit bringen, ziehen oft auch sexistischen Hass nach sich – besonders für Frauen im Leistungssport. Auffällig sei nach Einschätzung von Nölleke dabei vor allem die unterschiedliche Art der Kommentare. Während bei männlichen Athleten nach sportlichen Fehlern meist die Leistung kritisiert werde und Kommentare wie „Oh, das passiert. Dann machst du es beim nächsten Mal eben besser“ zu finden sind, ziele der Hass gegen Athletinnen meist auf andere Ebenen. Kommentare seien häufig auf den Körper bezogen, sexualisiert oder auf das Aussehen gerichtet. Auf die sportliche Leistung werde kaum eingegangen. Ein großer Auslöser für solche Kommentare sei auch häufig die Kleidung der Athletinnen, die in gewissen Sportarten meist freizügiger ausfallen, wohingegen Männer bedecktere Kleidung tragen dürfen, wie zum Beispiel beim Beachvolleyball.
Mehr als nur ein böser Kommentar
Beleidigungen, Drohungen oder gezielte Herabwürdigungen im Netz werden unter dem Begriff digitale Gewalt zusammengefasst. Gemeint sind verschiedene Formen von Belästigung, Diskriminierung und Entwürdigung, die über digitale Kanäle stattfinden. Über Kommentarspalten oder direkte Nachrichten bekommen Menschen auf Social Media gezielt Beschimpfungen und sexualisierte Kommentare zugesendet, es werden Vorurteile verbreitet und im schlimmsten Fall wird zu Gewalt aufgerufen.
Hatespeech ist eine spezifische Form von digitaler Gewalt. Der Begriff bezeichnet verbale oder schriftliche Äußerungen, die sich gegen Menschen oder Gruppen richten und auf gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit basieren. Dazu zählen unter anderem Rassismus, Sexismus oder Homophobie.
Zwischen Sichtbarkeit und Rückzug
Auch wenn viele Athletinnen von sich behaupten, dass es mittlerweile zu ihrem Alltag gehöre und sie sich damit abgefunden hätten, treffen Hassnachrichten manchmal doch einen wunden Punkt, der emotional belastet. „Irgendwie schaffe ich es, die meisten Nachrichten an mir abperlen zu lassen. Aber es macht mich trotzdem wahnsinnig sauer. Es sind so viele, dass ich ahne, dass irgendetwas in mir passiert, auch wenn ich heute hier sitze und Ihnen ehrlich sage, dass es mich eigentlich nicht berührt. Tausende Hassnachrichten lassen niemanden kalt“, berichtete Lys dem Tagesspiegel.
In der Tennisbranche treten Hassnachrichten extremer auf als in anderen Sportarten. Dies ist darin begründet, dass Tennis zu den Sportarten zählt, auf die viel gewettet wird. Eine massive Folge davon: Viele Hassnachrichten kommen von Sportwettern, die ihr Geld verloren haben. Die deutsche Tennisspielerin Lys glaubt, es sei wichtig, weiterhin darüber zu reden, in der Hoffnung die beleidigenden Nachrichten werden irgendwann weniger. „Ich finde, sowas darf man nicht ignorieren – dafür sollte es immer Konsequenzen geben. Ich habe einfach einen Gerechtigkeitsdrang.“ In einzelnen Fällen bleibt das Verfassen von Hassnachrichten tatsächlich nicht folgenlos. Accounts werden gesperrt oder gelöscht, in einzelnen Fällen lassen sich Nutzer identifiziert und melden und je nach Schwere der Äußerung kann es zu strafrechtlichen Folgen führen, darunter Geld- und Freiheitsstrafen.
Immer mehr Athletinnen melden sich öffentlich zu Wort über Hassnachrichten, die sie tagtäglich erreichen und versuchen, mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen. Zum einen in der Hoffnung, dass sich irgendwann etwas ändert. Zum anderen, um Grenzen zu ziehen gegenüber den Tätern, aber auch gegenüber einem Umfeld, das digitale Hassnachrichten lange als ständigen Begleiter des Profisports hingenommen hat. „Mir wurde immer gesagt: Ignorieren, ignorieren, gib den Leuten keine Plattform“, berichtet Lys der Zeit. Doch genau dieses Schweigen habe dazu geführt, dass der Hass kein Ende nahm. Das Veröffentlichen gibt den Athletinnen somit eine Chance, gegen die Normalisierung anzukämpfen. Dass Lys mit ihrer Erfahrung nicht alleinsteht, zeigen zahlreiche andere Athletinnen wie die schweizerische Fußballnationalspielerin Alisha Lehmann, die dänische Handballspielerin Kathrin Hendrich oder auch die britische Mittelstreckenläuferin Georgia Bell, die ebenfalls Einblicke in die täglichen Anfeindungen in den sozialen Medien gegeben haben.

Verbände zwischen Verantwortung und Überforderung
Der Umgang der Verbände und Sportorganisationen mit digitaler Gewalt rückt zunehmend in den Fokus. Der Verein Athleten Deutschland setzt sich seit Jahren für bessere Schutzmechanismen ein und hat das Thema digitale Gewalt intensiv diskutiert. Karla Borger, ehemalige Präsidentin des Vereins und Profi-Beachvolleyballerin, kritisiert, dass in vielen Vereinen und Verbänden nach wie vor hierarchische und stark männlich geprägte Entscheidungsstrukturen existieren. „Frauen sind in Führungspositionen oft unterrepräsentiert, was dazu führt, dass die Perspektiven von Athletinnen bei der Entwicklung von Schutzkonzepten oder Kommunikationsrichtlinien nicht ausreichend berücksichtigt werden.“ Der Startpunkt des Problems beginne bereits bei der ungleichen Förderung von Frauen- und Männersport, denn, so spricht Borger an: „Mangelnde Sichtbarkeit und geringere Wertschätzung öffnen Tür und Tor für entwertende Kommentare“. Außerdem gäbe es fehlende Vorgaben für den Umgang mit digitaler Gewalt, die dazu führen, dass Hasskommentare im Netz eine Art unvermeidbarer Nebenschauplatz des Sports sind.
Für Athleten Deutschland ist es aus diesem Grund besonders wichtig, Meldewege zu stärken und Verantwortlichkeit klar zu regeln, so dass Athletinnen im Falle digitaler Übergriffe eine verlässliche Anlaufstelle geboten werden kann. Schnellere Reaktionen, bessere Prävention und feste Anlaufstellen für Betroffene sind Mechanismen, für die sich Athleten Deutschland stark gemacht hat, damit sie in Zukunft dauerhaft eingeführt werden. Außerdem setzt sich die Organisation politisch dafür ein, dass der Schutz vor digitaler Gewalt eine strukturelle Aufgabe wird, „denn effektiver Schutz darf kein Projekt für Großereignisse sein, sondern muss dauerhaft verankert werden“, sagt Borger. Athletinnen sollten mit ihren Problemen nie allein gelassen werden und zu jeder Zeit einen freien Zugang zu professioneller Hilfe und Beratung haben, wenn dies nötig ist.
Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) beispielsweise mit einem KI-gestützten Online-Abuse-Protection-Service gearbeitet, der Hassnachrichten und -beiträge gegenüber Athletinnen und Athleten sofort erkennt und zur Entfernung an die Plattform meldet. Auch bei den Olympischen Winterspielen 2026 kam dieses Tool erneut zum Einsatz. Darüber hinaus bietet das IOC ein großes Angebot an Welfare-Officer-Teams, die als mögliche Ansprechpartner bei Wettkämpfen vor Ort zur Verfügung stehen. Dies ist ein Ansatz, um vor allem bei Großereignissen mehr Schutz für die Athletinnen zu schaffen.
Sportlerinnen kämpfen nicht nur um Medaillen, Verträge und Sichtbarkeit, sondern auch um Respekt. Im digitalen Raum sowie auf gesellschaftlicher und sportlicher Ebene. Der Umgang mit sexistischem Hass auf Social Media ist dabei ein Spiegelbild für den organisierten Sport insgesamt. Fortschritte sind erkennbar, dennoch reichen sie bislang noch nicht aus. Was es braucht, ist eine klare Haltung, wie sie Borger formuliert: „Es soll in der Öffentlichkeit deutlich gemacht werden, dass Sportlerinnen Respekt verdienen und nicht Zielscheibe von Hass sind“.
