Theresa Körner hat kaum geschlafen. Wie sie später berichtet, kreisen ihre Gedanken schon seit Stunden um dieselben Themen, und Ruhe will sich einfach nicht einstellen. Um halb fünf endet die Nacht abrupt mit dem schrillen Wecker. In diesem Moment fragt sie sich, wie sie die Challenge Roth nur schaffen soll: 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und ein Marathon. Bevor sie aufbricht, isst sie noch einmal ausgiebig, um genug Energie für den langen Tag zu haben. Sie zieht sich an und macht sich auf den Weg durch die noch schlafende Stadt Roth in Franken. Der Nebel, der wie ein Schleier über dem Main-Donau-Kanal liegt, begleitet Körner auf dem Weg zum Rennen. „Morgens hat es noch geregnet. Aber das hat mich nicht gestört – im Gegenteil: Bei Hitze bin ich etwas empfindlich“, erzählt Körner.
In der Morgendämmerung erreicht sie die Wechselzone. Letzte Kontrolle am Rad, Verpflegung anbringen, alles noch einmal prüfen. Dann nimmt ihr Mann Holger sie noch einmal in den Arm. „Da hätte ich am liebsten losgeheult und musste richtig mit den Tränen kämpfen“, erinnert sie sich. Ab hier muss sie allein weitergehen. Der erste Schritt in ein Rennen, auf das sie sich monatelang vorbereitet hat.
Um sieben Uhr fällt der Startschuss. Körner springt in den Kanal, das Wasser umspült sie und sofort ist die Nervosität weg. Von Kilometer eins an findet sie ihren Rhythmus. „Ich bin durch das ganze Rennen wie in einem Flow gegangen. So was habe ich selten erlebt“, sagt sie. Für Körner ist es der Moment, in dem sich die Monate zwischen Büroalltag, Training und kurzen Nächten auszahlen.
Auf Social Media scheint der Sport zu boomen. Überall Bilder von strahlenden Finisherinnen, motivierende Reels, Gewinnspiele für teure Rennräder, die das Bild einer modernen, gleichberechtigten Ausdauerszene zeichnen. Doch dieser Eindruck täuscht: Sichtbarkeit bedeutet nicht automatisch Teilhabe. Während der Triathlon im Spitzensport oft als vergleichsweise gleichberechtigt gilt, zeigt sich im Breitensport ein deutlich anderes Bild. Hohe Einstiegshürden und fehlende Strukturen machen den Weg für Frauen oft steiniger, als der Social-Media-Hype es vermuten lässt. Körners Flow-Erlebnis bei der Challenge Roth wirkt mühelos. Doch der Weg dorthin ist alles andere als selbstverständlich. Für viele Frauen bleibt der Einstieg in den Triathlon eine Herausforderung. Woran liegt das?
Die Hürden für Triathletinnen im Breitensport
1. Geld: Bevor Frauen überhaupt den Triathlon für sich entdecken, stoßen viele an die erste große Hürde: das Geld. Dabei geht es um mehr als nur die Kosten für ein Rennrad. Wer im Triathlon ganz vorne mitmischen will, braucht nicht nur Ausdauer, sondern oft auch ein beträchtliches Budget.
Theresa Körner kennt diese Situation aus eigener Erfahrung. Sie erbringt Leistungen auf Profi-Niveau und profitiert dennoch nicht davon. Während in anderen Sportarten eine solche Platzierung in der deutschen Spitze für ein gesichertes Einkommen reichen würde, ist man im Triathlon selbst mit einer Profilizenz oft auf einen 40-Stunden-Job angewiesen. „Man zahlt, um Triathlon machen zu können, nur drauf“, wird im Gespräch mit ihr deutlich.
Ulla Chwalisz, Beauftragte für Sportentwicklung bei der Deutschen Triathlon Union (DTU), bestätigt diesen Trend zur Elitarisierung: „Zwar lässt sich das Hobby mit einfachen Mitteln beginnen, irgendwann geht es aber mit den Investitionen los.“ Gerade für Frauen verschärft sich die Lage: Da klassische Sponsorengelder an der Basis fehlen, rückt die Selbstdarstellung in den Fokus. Körner kritisiert, dass Sponsoren zunehmend Social-Media-Reichweite über die reine sportliche Leistung stellen. Wer seine Zeit lieber in zwei Trainingseinheiten pro Tag steckt, statt in die Produktion von aufwendigem Content, verliert den finanziellen Anschluss. Den Weg zur Langdistanz bestreitet am Ende nur, wer entweder über ein hohes Privatbudget verfügt oder die Doppelbelastung aus Vollzeitjob und Leistungssport physisch wie psychisch überlebt.
2. Zeit: Geld allein entscheidet nicht darüber, wer im Triathlon bestehen kann. Entscheidet man sich für den Sport, verpflichtet man sich zugleich zum Training in drei Ausdauersportarten. Chwalisz betont, dass dieser Trainingsumfang meist nur machbar sei, wenn Talent und Wille auf finanzielle Unabhängigkeit und geeignete familiäre Umstände treffen.
Wie dieser Alltag aussehen kann, zeigt Körners Wochenplan: Sie arbeitet über 40 Stunden pro Woche, trainiert je nach Saison bis zu zweimal täglich und opfert ihre gesamten Wochenenden und Urlaube dem Sport. Vor den Ironman-70.3-World-Championships 2025 erreichte diese Belastung ihren Höhepunkt. Dunkelheit und schlechtes Wetter erschwerten die Vorbereitung und ihr gesamter Jahresurlaub war bereits für die Weltmeisterschaft verplant. Rennen und Vollzeitjob gleichzeitig zu bewältigen, beschreibt Körner als eine enorme Herausforderung.
Körner hat selbst keine Kinder. Für Mütter, die häufig noch den größten Teil der Care-Arbeit übernehmen, stellt sich die Frage umso dringlicher: Wie soll ein derartiger Trainingsaufwand zu stemmen sein? Und wer passt auf die Kinder auf, während die Eltern an Wettkämpfen teilnehmen?
Die DTU hat für dieses Problem das Label „Familienfreundlicher Triathlon“ geschaffen. Um die Auszeichnung zu erhalten, müssen Veranstalter z.B. getrennte Umkleiden oder eine verlässliche Kinderbetreuung nachweisen. Die Resonanz auf dieses Angebot ist ernüchternd, denn die Kriterien für die Verleihung werden selten abgedeckt. Im Jahr 2025 erfüllten nur acht von über 600 offiziell angemeldeten Veranstaltungen diese Anforderungen. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass es noch ein weiter Weg zu flächendeckend attraktiven Angeboten für Mütter ist.
3. Strukturen: Während der Sport auf Social Media ein modernes Bild vermittelt, orientiert sich die Vereinswelt oft noch an traditionellen Mustern. Da viele Strukturen auf Männer ausgelegt sind, finden Athletinnen in klassischen Vereinen seltener spezifische Angebote. Dies führt dazu, dass Triathletinnen häufig isoliert trainieren und in offiziellen Statistiken lediglich als Mitglieder in Schwimm- oder Laufvereinen auftauchen – oder dem organisierten Sport ganz fernbleiben.
Für viele Frauen bedeutet das: Sie organisieren ihr Training weitgehend selbst. Besonders schwierig wird das, wenn es um fachliche Unterstützung geht. Denn es mangelt an Trainerinnen und Trainern, die über geschlechtsspezifische Expertise verfügen, etwa zu zyklusbasiertem Training oder der weiblichen Physiologie. Da nur ein Bruchteil der Trainerlizenzen von Frauen erworben werden, bleibt die Trainingslehre in der Praxis oft männlich geprägt. Wer eine professionelle Unterstützung sucht, die über die Standard-Trainingspläne hinausgeht, findet diese in klassischen Vereinsstrukturen oft nicht.
Viele Frauen denken beim Einstieg: „Laufen und Radfahren kann jede.“ Auch Körner bekommt diesen Rat von einer Freundin. Fehlt jedoch das passende Trainingsangebot im Verein, bleibt man oft in dieser Unabhängigkeit verhaftet. Ohne den Rückhalt eines Vereins und den Zugang zu Experten wird die Vorbereitung auf eine Langdistanz individueller und kostenintensiver, da private Coachings die Lücke füllen müssen.
Zahlen lügen nicht – oder doch?
Theoretisch verfügt der Triathlon über ein gewaltiges Zugpferd: Die deutschen Profi-Frauen gehören zur Weltspitze. Athletinnen wie Anne Haug, die 2024 in Roth eine Weltbestzeit aufstellte, kennt man auch außerhalb der Triathlon-Szene. Und seit der olympischen Premiere im Jahr 2000 werden Preisgelder in gleicher Höhe an Männer und Frauen ausgezahlt – ein im Vergleich zu anderen Sportarten bemerkenswert modernes System.
An der Basis spiegelt sich dieser Erfolg nur teilweise wider. Betrachtet man die Geschlechterverteilung der DTU-Wettbewerbe, liegt der Frauenanteil lediglich bei 32 Prozent. Zwar wirbt der Verband mit einem Mitgliederzuwachs bei den Frauen, doch die Zahlen sind differenziert zu betrachten. Laut Ulla Chwalisz stieg der Frauenanteil in relevanten Ausdauersportvereinen zwischen 2004 und 2024 lediglich um acht Prozent. Ein geringer Zuwachs über zwei Jahrzehnte im Vergleich zu anderen Sportarten. Der Erfolg der Profis steht damit in scharfem Kontrast zu den stagnierenden Strukturen im Breitensport.

Barrieren für Athletinnen – Gleichberechtigung auf der Strecke
Theresa Körner startet in Roth neben Anne Haug, tritt für den Post-SV Tübingen in der 2. Bundesliga an und nahm 2025 an den World Championships des Ironman 70.3 in Marbella teil. Aus ihrer Perspektive zeigt sich auf jeder Strecke ein weitgehend gleichberechtigtes Bild: Zuschauerzahlen und Ansehen unterscheiden sich zwischen den Geschlechtern kaum. Kommen Fans zu einem Event und interessieren sich für den Sport, spielt es keine Rolle, wer startet. Besonders auffällig findet Körner die gegenseitige Unterstützung unter Athletinnen und Athleten. In der 2. Bundesliga finden die Wettkämpfe der Männer und der Frauen am selben Tag statt. Unabhängig davon, wer zuerst startet, beobachten und motivieren sie sich gegenseitig.
Bei anderen Veranstaltungen starten sie gemeinsam. Körner sieht gemischte Rennen kritisch. „Manchmal wird das Rennen beeinflusst, wenn Männer und Frauen gleichzeitig starten. Einige Männer reagieren egobezogen, wenn sie von Frauen überholt werden, und ziehen sofort wieder an einem vorbei“, erklärt sie. Vor allem auf dem Rad können solche Situationen das Renngeschehen ungewollt beeinflussen. „Das passiert natürlich nicht böswillig“, betont sie, „aber ich würde mir mehr reine Frauenrennen wünschen, weil diese fairer wären.“
Getrennte Rennen schaffen Fairness, Sichtbarkeit und einen eigenen Raum für Athletinnen. Zugleich können sie aber dazu führen, dass genau dieser Raum aufgrund geringer Teilnehmerinnenzahlen leer bleibt. Damit Gleichberechtigung im Triathlon funktioniert, darf sie nicht erst am Startschuss beginnen. Es braucht Strukturen, die das Ungleichgewicht an der Basis ausgleichen, um langfristig eine ausgeglichene Spitze zu ermöglichen. Genau hier setzt der Fachverband an.
Was die DTU schon tut und was noch kommen muss!
Um die Zahl der Athletinnen weiter zu erhöhen, versucht die Deutsche Triathlon Union seit Jahren, gezielt Angebote für Frauen zu schaffen. Vorreiter ist hierbei Baden-Württemberg mit speziellen, einsteigerorientierten Konzepten. Doch viele dieser Initiativen werden nur in wenigen Verbänden umgesetzt.
Ulla Chwalisz berichtet von Workshops, die Frauen gezielt an triathlon-spezifisches Training und Wettbewerbsabläufe heranführen. Obwohl diese Angebote erfolgreich waren, wurden sie bislang nicht systematisch von allen Landesverbänden übernommen. „Zu wenige Triathlon-Vereine bieten frauenspezifische Angebote an“, kritisiert Chwalisz die bisherige Umsetzung.
Hier sieht die DTU einen zentralen Ansatzpunkt für die kommenden Jahre. „Ziel wird es sein, Angebote für Frauen im Breitensport deutlich zu stärken“, erklärt Chwalisz. Initiativen, die nur auf höheren Ebenen entstehen, erreichen die Athletinnen oft nicht: „Nur mit einem starken und gut aufgestellten Breitensport können wir auf mehr Frauen in den Wettbewerben hoffen.“
Challenge Roth ist geschafft, doch der Weg geht weiter
Nach neun Stunden und 36 Minuten überquert Theresa Körner die Ziellinie der Challenge Roth. Ihr Ziel von zehn Stunden hat sie nicht nur erreicht, sie unterbietet es deutlich. Ein überwältigender Moment, ein „Once in a Lifetime“-Gefühl, das sie nach eigenen Worten noch für Jahre tragen wird.
Auf der Strecke spürt sie nicht nur den eigenen Willen, sondern auch die Unterstützung ihrer Familie. Jubelnd und klatschend stehen sie an der Strecke und immer wieder tauchen vertraute Gesichter im Zuschauerfeld auf. Jeder Applaus, jeder Blick gibt ihr Kraft und trägt sie weiter – so beschreibt sie das Rennen, das für sie unvergesslich bleibt. Und doch geht ihr Leben danach weiter wie zuvor: Am nächsten Tag sitzt sie wieder am Schreibtisch, erstellt Trainingspläne und hat Jobtermine – ein Alltag, in dem sportlicher Erfolg und berufliche Verpflichtungen Hand in Hand gehen müssen.
Dieser Kontrast verdeutlicht, wie viele Hürden Frauen im Triathlon noch überwinden müssen – Zeit, Geld und fehlende Strukturen. Verbände wie die DTU versuchen gegenzusteuern, etwa mit Workshops und speziellen Angeboten für Einsteigerinnen. Ulla Chwalisz betont dabei die Bedeutung dieser Initiativen: „Gleichberechtigung muss nicht nur sichtbar sein, sondern auch im Alltag der Athletinnen spürbar werden.“
Trotz solcher Ansätze bleibt der Weg für viele Frauen steinig. Körners Erfolg steht symbolisch für das Potenzial, das im Frauen-Triathlon steckt, doch erst mit stärkerer Förderung, besseren Strukturen und mehr Sichtbarkeit kann der Triathlon in Deutschland wirklich als gleichberechtigte Sportart gelten.
Lea Arlinghaus
