Europäische Rundfunkunion – Vereintes Europa oder nur Zweckgemeinschaft?

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August 2018. Innerhalb von zehn Tagen übertragen ARD und ZDF über 100 Stunden der European Championships und erreichen damit bis zu 2,6 Millionen Zuschauer. Die Übertragungsrechte für die meisten Sportveranstaltungen erhalten sie über die European Broadcast Union (EBU). Sie ist für viele Bilder, Nachrichten und für das Erwerben und Übertragen von Sportereignissen verantwortlich. Doch was ist die EBU? Und was hat sie mit Europa zu tun?

Deshalb gibt es die EBU

Die Europäische Rundfunkunion, wie sie in Deutschland heißt, ist ein Zusammenschluss von über 70 öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern. Die Hauptaufgaben bestehen in der Koordination des Programmaustauschs, der Bereitstellung eines Übertragungsnetzes und dem Erwerb von TV-Rechten. Was erstmal kompliziert klingt, ist eigentlich ganz einfach: „Die EBU sorgt mit zentraler Struktur für eine Vereinfachung“, sagt Stefan Kürten. Er war fast 20 Jahre lang Direktor Sport & Geschäftsstrategie der EBU. Durch die Kooperation der TV-Sender gibt es bei Großevents nur ein Übertragungsteam, das für alle Mitgliedssender die Bilder produziert. Ansonsten müsste jeder Sender eigenständig Verträge für jedes Event aushandeln und dann ihre eigenen Kamerateams losschicken. Die Fernsehsender sparen so an Aufwand und Geld.

Außerdem erfolgt über den Zusammenschluss ein Austausch von Nachrichten und Bewegtbildern unter den öffentlich-rechtlichen Sendern. Der Sportkoordinator der ARD, Axel Balkausky, sieht das als großen Vorteil: „In vielen Fällen bestehen keine Möglichkeiten, auf anderem Weg an Bildmaterial zu kommen.“ Nur dadurch könne die ARD ihren Zuschauern aktuelle Nachrichten und Bilder aus der ganzen Welt liefern.

Aber auch die Sportverbände sollen profitieren. Marcel Wakim, der für die Vermarktung des europäischen Leichtathletikverbands (EA) zuständig ist, betont die lange und gute Zusammenarbeit mit der EBU: „Sie sichert uns eine große Reichweite und gute Qualität zu. Das hilft uns Sponsorenverträge abzuschließen und eine Sichtbarkeit im Markt zu haben.“ Da die EA nicht die Kapazitäten hat, seine Rechte einzeln in nationalen Rechtepaketen zu verkaufen, verkauft sie ihre kompletten TV-Übertragungsrechte an die EBU, die wiederum die Rechte an ihre Mitglieder weitergibt.

Der Erwerb von Sportrechten

Das Sportportfolio der Europäischen Rundfunkunion reicht von der Tour de France, Leichtathletik- und Ski-Veranstaltungen, bis zum Gewichtheben. Insgesamt sind es über 200 Sportwettbewerbe pro Jahr. Auch die Fußball-EM und -WM gehören dazu. Aber da sich UEFA und FIFA in vielen Ländern durch Einzelausschreibungen mehr Geld versprechen, hat die EBU hier nur ein sogenanntes geschnittenes Rechtepaket gekauft. Das bedeutet, dass sie die Rechte nur für bestimmte Länder besitzt. Deutschland beispielsweise gehört nicht dazu. Kleinere Sportverbände aber veräußern die Übertragungsrechte ihrer Events nur für ganz Europa – dafür gilt die EBU als der ideale Partner. Bei solchen Ausschreibungen erkundigt sich die EBU, wie groß das Interesse in jedem Land aussieht. Ist das Interesse der Mitglieder groß genug, versucht sie die TV-Rechte dafür zu erwerben.

Ungefähr sechs bis acht Wochen dauert es, bis ein Finanzierungsmodell aufgestellt ist. Dafür muss die EBU mit den TV-Sendern besprechen, wie viel sie dafür zahlen wollen. Steht der Budgetplan fest, wird mit dem Rechteinhaber verhandelt. Das dauert dann weitere drei bis fünf Wochen an. Reicht das Angebot nicht aus, muss wieder mit den TV-Sendern verhandelt werden, ob diese bereit wären, einen höheren Betrag zu zahlen.

Dass dies nicht immer wie gewünscht funktioniert, zeigt das Beispiel der Olympischen Spiele 2018 bis 2024. Hier wurde die EBU überboten und musste die Übertragungsrechte abgeben. „Für uns war es eindeutig ein Schlag, den wir aber mit sehendem Auge genommen haben“, erzählt Stefan Kürten. „Wir wussten, wenn wir Betrag x drauflegen würden, hätten wir die Rechte bekommen. Wir haben es aber nicht gemacht, weil wir gesagt haben: die Preise sind nicht finanzierbar.“

Für viele öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten war aber der Verlust der Olympia-Rechte untragbar. Die Folge: Sie erwarben sich die Senderechte im Nachhinein über eine Sub-Lizenz. Auch die ARD und das ZDF haben dies getan. „Der Status Quo ist damit unverändert zu früheren Sommerspielen“, sagt Axel Balkausky. Für die Sublizenzen der Olympischen Spiele 2018 bis 2024 sollen ARD und ZDF insgesamt 237 Millionen Euro bezahlt haben. Für die Spiele 2010 bis 2016 standen laut Medienberichten Summen in Höhe von 195 Millionen Euro im Raum.

Die European Championships sind ein Produkt der EBU

Die EBU ist vor allem „gut in der Entwicklung von Sportarten“, meint Stefan Kürten. Bis 2019 war es seine Aufgabe, die TV-Rechte von Sportevents mit Sendern und Rechte-Inhabern zu verhandeln. Die Europäische Rundfunkunion konzentriert sich dabei auf Veranstaltungen von olympischen Sportarten. „Das wollen die Öffentlich-Rechtlichen so.“ Biathlon habe zum Beispiel stark von der Zusammenarbeit mit der EBU profitiert. „Wir haben Biathlon zusammen mit dem Verband großgemacht!“, sagt Kürten. Der erste Vertrag in den 90ern habe dem europäischen Biathlon-Verband 50.000 Dollar eingebracht. Inzwischen soll es ein dreistelliger Millionenbetrag sein. „Damit es so ein großer Erfolg wird, braucht es öffentliche Aufmerksamkeit, das geht nur durch das Free-TV“, meint der einst langjährige EBU-Direktor.

Auch die European Championships gehen auf eine Zusammenarbeit von EBU und Sportverbänden zurück. „Wir haben uns die Entwicklung der Übertragungszeiten und Sendeinteressen angeschaut und festgestellt, dass die einzelnen Sportarten, wie Schwimmen und Leichtathletik kein großes Wachstum mehr hatten“, erinnert sich Kürten, „die haben wir dann zusammengepackt und zu einem European Championships-Highlight gemacht“.

Das Konzept funktioniert so: Mehrere Europameisterschaften von Sportarten, die medial bislang eine untergeordnete Rolle spielten, wie Leichtathletik, Tischtennis oder Beachvolleyball, werden gleichzeitig an einem oder zwei Orten ausgetragen und zu einem großen Event geformt. Die Fernsehsender können dadurch ähnlich wie bei den Olympischen Spielen zwischen den Sporthighlights verschiedener Sportarten wechseln. Die Einschaltquoten erinnerten an das Non-plus-Ultra Olympia: „Mit dem Zusammenschluss haben wir ein sehr starkes Produkt, die Zahlen konnten fast olympische Zahlen erreichen“, sagt Marcel Wakim von EA.

Kritiker sehen in diesem Format mehr ein Gewinn für die übertragenden Sender als für die beteiligten Sportarten. Frank Lebert, Geschäftsführer der Deutschen Leichtathletik Marketing GmbH, befürchtet, dass dies der Anfang vom Ende der einzelnen Leichtathletik-Events sein wird. „Die eigenständige Vermarktung einer so großen Sportart wie die der Leichtathletik wird auf der Strecke bleiben“, beklagte er gegenüber Zeit Online im August 2018.

Leistet die EBU einen Beitrag für die Vereinigung Europas?

Welchen Beitrag kann die EBU also für ein vereintes Europa leisten? Zum einen geht es nicht nur um Sport: Auch der Eurovision Song Contest wird von ihr produziert. Es gibt zudem noch einen paneuropäischen Nachrichtensender, der allerdings nicht von allen Mitgliedern betrieben wird. Deutschland gehört zum Beispiel nicht dazu. Da der Sender „Euronews“ aber von der EU mit jährlich 15 Millionen Euro subventioniert wird, wird ihm vorgeworfen, nicht neutral über die EU zu berichten.

 Ein weiteres Ziel der EBU: die Qualität der Fernsehübertragungen zu verbessern.  Dazu zählt beispielsweise die flächendeckende Umstellung auf sogenanntes High Definition TV (HD). Aber auch die einheitliche Lautstärke zwischen den verschiedenen Fernsehkanälen. Der Konsument hat sich daran zwar schon lange gewöhnt, doch noch vor dem Mitwirken der EBU waren Sprünge im Ton nichts Ungewöhnliches. Stefan Kürten glaubt: „Die Auflösung der Bilder und Sound werden in Zukunft die großen Themen sein.“

Insbesondere die Übertragung der Sportveranstaltungen soll aber einem einheitlichen Europa helfen. Die EBU schreibt dazu auf ihrer Website: „Wir erkennen die Kraft des Sports an, Nationen zusammenzubringen und kulturelle Identität zu feiern.“ Der Sport sei für alle und nicht nur für die „wenigen Privilegierten“. Deshalb bemühe sie sich, „die besten Sportveranstaltungen für alle kostenlos zu halten“, heißt es weiter.

Geht es nach Stefan Kürten, hat die EBU einen „ganz starken“ Einfluss auf die Vereinigung Europas. Sie könne dafür sorgen, dass bestimmte Sportarten einer breiten Öffentlichkeit in ganz Europa zur Verfügung gestellt werden. Ohne sie wäre die Gefahr größer, dass die Übertragungsrechte an einen Pay-TV-Anbieter gehen. Auch Marcel Wakim vom europäischen Leichtathletikverband ist dieser Meinung: „Die EBU hilft nicht nur, den Sport zu promoten, sondern dadurch, dass Länder zusammenkommen.“ Denn der Sport vereine Menschen und die Rundfunkunion sorge dafür, dass alle Bürger Europas das Produkt frei empfangbar und in gleicher Qualität bekommen.

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Baujahr: 1998 Instagram-Account: simonstolz18 Lieblingssportart: Fußball, Beachvolleyball und Darts Lieblingssportler/-in: Max Kruse, Thiago Alcantara, Frenkie de Jong und Raphael Guerreiro, weil alle auf ihre Art und Weise einfach geilen Fußball spielen

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