„Wo keiner mehr über Flüchtlinge redet“

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Im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag ist ein Phänomen zu beobachten, das ganz Europa betrifft. Auf dem Sportgelände am Emil-Kiemlen-Weg ist der FC Stuttgart-Cannstatt zu Hause – ein Fußballverein mit einer besonderen Geschichte. 1995 gründeten türkische Migranten den Verein, damals unter dem Namen TSV Hilalspor. Sieben Jahre später erfolgte die Umbenennung in FC Stuttgart-Cannstatt. Mit der Namensänderung öffnete sich der Klub auch nach außen und konzentrierte sich fortan auf die Förderung des Kinder- und Jugendfußballs. Diese Zielsetzung prägt bis heute das Bild des FC Stuttgart-Cannstatt: Von rund 570 Vereinsmitgliedern sind 400 unter 18 Jahre. Der Verein vermittelt den Kindern und Jugendlichen eine weltoffene Einstellung. Multikulti ist hier nicht nur ein Begriff, er wird gelebt. Insgesamt sind 14 Nationalitäten im Verein vertreten, die Mehrheit hat mit 40 Prozent einen türkischen Migrationshintergrund. Ein friedliches Miteinander und die Integration aller Vereinsmitglieder stehen im Mittelpunkt. Es sind Vereine wie der FC Stuttgart-Cannstatt, die das Potenzial haben, Europa mithilfe des Sports zu verbinden.

In den vergangenen Jahrzehnten prägte kein Phänomen Europa so stark wie die Migration. Durch die Globalisierung vernetzte sich die Welt besser, die Reisefreiheit und auch die Offenheit vieler europäischer Staaten zog Menschen verschiedenster Herkunft an, die vor Krieg flohen oder von einem besseren Leben träumten. Auch Deutschland schreibt schon lange an seiner Migrationsgeschichte. 1955 kamen zahlreiche Gastarbeiter, viele blieben; nach der Wiedervereinigung fanden Asylsuchende eine neue Heimat; die Flüchtlingsbewegung der vergangenen Jahre ist also nur die jüngste Episode, die Migration in der Bundesrepublik sichtbar macht.

Dass Migration eine deutsche Realität ist, zeigt sich auch in den Zahlen der Bundeszentrale für politische Bildung: 2019 hatten rund 21,2 der 81,8 Millionen in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund. Ein Anteil von 26 Prozent. Von 1990 bis 2016 wurden insgesamt 4,4 Millionen Personen eingebürgert – darunter viele Menschen türkischer, russischer oder asiatischer Abstammung, zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan oder aus dem Irak.

Diese hohe Zuwanderungsrate macht sich auch im Sport bemerkbar, dem gemeinhin eine große Integrationskraft attestiert wird. Menschen mit ausländischer Abstammung gründen Sportvereine, die umgangssprachlich auch Migrantenvereine genannt werden. Die Realität ist aber: Auch im Sport hält sich die Toleranz manchmal in Grenzen. Spieler mit Migrationshintergrund kämpfen nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen Vorurteile. Sie werden auf ihre Nationalität oder ihre Hautfarbe reduziert und ihnen werden negative Eigenschaften zugeschrieben. Spieler mit türkischem Migrationshintergrund werden manchmal als besonders reizbar und empfindlich verunglimpft. Die Attacken gibt es im Kleinen wie im Großen. Die von Migranten gegründeten Vereine werden sogar als Integrationsverweigerer herabgesetzt. Sie würden sich isolieren. Sport nicht als Förderer der Integration, sondern als Verhinderer, lautet der Vorwurf.

„In manchen Spielen kam es dazu, dass wir verbal angegriffen wurden.“

Innerhalb des Vereins wird darauf geachtet, dass der FC Stuttgart-Cannstatt von seinen Spielern und Funktionären nach außen hin gut vertreten wird und dass dies ohne Probleme funktioniert. Nichtsdestotrotz fühlt man sich während des Spielgeschehens dem Kampf gegenüber Vorurteilen knallhart ausgesetzt. Dominik Sandro Heinkel ist ein ehemaliger Jugendspieler des FC Stuttgart-Cannstatt mit italienischen Wurzeln. In seiner ehemaligen Mannschaft besaßen die meisten Teamkollegen einen türkischen oder kurdischen Migrationshintergrund. Ein Angriffspunkt für gegnerische Spieler. „Wir wurden oftmals als Türkenmannschaft abgestempelt“, erzählt Heinkel. Er und seine Mannschaftskollegen waren während des Spielgeschehens oft Ungerechtigkeiten seitens der Gegner ausgesetzt. „In manchen Spielen kam es dazu, dass wir verbal angegriffen wurden“, beschreibt Heinkel. Außerdem berichteten ihm Vereinskollegen höherer Jugendklassen, dass die Nationalität der Spieler zu Konflikten mit gegnerischen Teams führte. Auch fühlte man sich einige Male auf die türkische Nationalität reduziert, die im Verein am häufigsten vertreten ist.

„Es muss nicht Migrantenverein heißen, wenn viele mit ausländischen Wurzeln im Verein Sport treiben.“

Vereinsintern wird aktiv für ein friedliches Miteinander gesorgt. „Es gibt bestimmte Spielregeln bei uns, die auch andere Vereine haben. Alle Spieler und Offiziellen müssen diese einhalten“, stellt Ali Baykan, Schriftführer des Vereins, klar. Es wird deutlich, dass sich die inneren Mechanismen in einem Verein, der von Migranten gegründet wurde, kaum von denen in traditionell deutschen Vereinen unterscheiden. Trifft dann die Bezeichnung Migrantenverein auf den FC Stuttgart-Cannstatt zu? „Eigentlich nicht. Wir sind ein Stuttgarter Verein, der für alle Nationalitäten offen ist. Es muss nicht Migrantenverein heißen, wenn viele mit ausländischen Wurzeln im Verein Sport treiben.“ Auch fokussiere man sich intern auf Dinge, die den Verein langfristig voranbringen. „Dazu gehört, Menschen zu gewinnen, die, ohne nach der Herkunft zu schauen, mit Menschen zusammen Sport treiben oder was unternehmen möchten.“

„Wir sind genauso wie die traditionellen Vereine in Deutschland.“

Der FC Stuttgart-Cannstatt nimmt regulär am Spielbetrieb des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) teil. Seine Heimspiele trägt er auf dem Vereinsgelände des Turnerbund Cannstatt im nördlich gelegenen Stuttgarter Stadtteil Hallschlag aus. Auf offizieller Ebene fühlt man sich in den Ligabetrieb des WFV gut integriert. „Wir sind genauso wie die traditionellen Vereine in Deutschland. Man schaut nicht, von wem die Vereine gegründet sind, sondern wie man vor Ort organisiert ist und ob in den einzelnen Bereichen der Dialog der Menschen miteinander funktioniert.“ Die ausländische Herkunft vieler Vereinsmitglieder und dessen Gründung durch türkische Migranten stellt hierbei kein Hindernis dar.

© Foto: Ali Baykan

„Wir haben einige Mannschaften, in denen Flüchtlingskinder sehr gut integriert sind.“

Vereine, die von Migranten gegründet wurden, wird oftmals vorgeworfen Integration zu verhindern. Der FC Stuttgart-Cannstatt ist jedoch offen gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen. Laut Baykan legen die Vereinsverantwortlichen großen Wert auf die Integration von Flüchtlingskindern ins Vereinsleben. Es werde sich bewusst Zeit genommen, ihr Selbstbewusstsein zu fördern und ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. „Im Verein lebt man die Integration auf jeden Fall besser als anderswo. Wir haben einige Mannschaften, in denen Flüchtlingskinder sehr gut integriert sind, wo keiner mehr über Flüchtlinge redet.“ Von Integrationsverweigerung herrscht beim FC Stuttgart-Cannstatt keine Spur.

„So können wir Kinder und Jugendliche von klein auf erziehen, so dass sie gar nicht erst in Konflikte verwickelt werden.“

Der Verein bietet den Kindern und Jugendlichen Stabilität, um Beziehungen zu entwickeln – unabhängig von Herkunft und Nationalität. 80 Prozent spielen bereits seit der frühen Kindheit zusammen. „In den Jahren sehen und erleben sie“, sagt Baykan, „dass es um den gemeinsamen Sport geht und alles andere nicht in Frage kommt. So können wir Kinder und Jugendliche von klein auf erziehen, so dass sie gar nicht erst in Konflikte verwickelt werden.“

Was im Kleinen auf dem Sportgelände am Emil-Kiemlen-Weg in Stuttgart passiert, leisten Vereine überall in Europa. Sie helfen bei der Integration von Migranten. So sorgt der Sport europaweit für mehr Verbundenheit zwischen den einzelnen Ländern, aber auch für mehr Akzeptanz von ausländischen Bevölkerungsgruppen. Es ist eine wichtige Aufgabe, denn ein friedliches Zusammenleben bereichert eine multikulturelle Gesellschaft – und die Migration wird weitergehen.

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Baujahr: 2000 Instagram-Account: inspektord Lieblingssportart: Calisthenics und Kampfsport jeglicher Art Lieblingssportler/-in: Oleksandr Usyk (ukrainischer Boxer), weil er ein brutal schneller Boxer mit coolem Kampfstil ist und er verdammt sympathisch rüberkommt in seinen Interviews

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