„Ein Wir-Gefühl, das nicht von politischen Elementen der EU geprägt wird“

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Um die Attraktivität einzelner Events zu erhöhen, richten die Verbände einiger Sportarten wie Leichtathletik, Radsport und Rudern ihre Europameisterschaften in einem gemeinsamen Event 2022 in München aus. Für die Idee einer solchen Veranstaltung ist unter anderem Co-Director Marc Jörg verantwortlich, der aus der ersten Durchführung des Multi-Sportevents 2018 in Glasgow und Berlin einige Schlüsse gezogen hat und beim Interview mit dem SportSirene-Redakteur Marius Schmiedel auch auf die gesellschaftliche Bedeutung der European Championships blickt.

Herr Jörg, wie sind Sie zu der Idee der European Championship gekommen?

Die Idee ist zwischen Paul Bristow, meinem Geschäftspartner, und mir 2009 entstanden. Wir haben uns auf einer Sportmesse getroffen und uns über den Gang des Sports unterhalten. Dabei haben wir festgestellt, dass der Fußball eine sehr große Entwicklung macht, es für den Rest aber immer schwieriger wird. Wir waren beide im Sport tätig, Paul Bristow im TV-Grafik- und Digitalbereich und ich bei der EBU im Rechte-Bereich. Wir haben darüber gesprochen, dass es für die anderen Sportarten immer schwieriger ist, sich zu finanzieren und Fernsehzeiten und Aufmerksamkeit im digitalen Bereich zu kriegen. Das Ergebnis daraus war: Allein sind die anderen Sportarten einfach zu schwach, wenn sie zusammenstehen würden, könnten sie stärker sein.

Wie haben Sie die Idee dann in die Praxis umgesetzt?

Die Idee hat uns nicht mehr losgelassen und nach einem Jahr haben wir uns wieder getroffen und über das Potential, dass diese Sportarten im Sinne der Tradition und des gesellschaftlichen Werts mit sich bringen und das Interesse, das sie in der Öffentlichkeit besitzen, gesprochen. Die Frage war, ob man das wirklich zusammenbringen und auf eine große Plattform stellen könnte. Aus rein sportlicher Herausforderung wollten wir dann versuchen, es zu realisieren. Also haben haben wir analysiert und alle Daten zusammengetragen und schließlich versucht, ein Modell zu entwickeln. Um die Plattform für ein derartiges Event zu schaffen, muss man viele Aspekte beachten und berücksichtigen. Die Sportarten müssen auf eine Bühne gestellt werden und diese Plattform muss dem Sport mehr Sichtbarkeit und auch ein größeres kommerzielles Potenzial geben. Damit haben wir dann 2011 das Grundkonzept entwickelt, womit wir an die Sportarten herangetreten sind und es ursprünglich sechs Verbänden vorgestellt haben. Die Reaktionen waren eigentlich überall ziemlich ähnlich in dem Sinne, dass die Verbände gesagt haben, dass es ihrer Sportart eigentlich gut geht und dass sie keine Probleme haben. Im Laufe der Präsentation, die wir vorbereitet hatten, wurde es dann immer interaktiver und die Leute waren ziemlich schnell an unserer Idee interessiert. Am Ende der Präsentation war dann meistens das Ergebnis, dass die Verbände die Idee gut fanden, es aber ihrer Meinung nach nicht funktionieren würde. Kalender, Wettbewerbe und Reglements müssten harmonisiert werden, es würden sich keine Gastgeber und keine Sponsoren finden und so weiter und so fort. Wir haben dann ein Eliminationsverfahren gemacht, das heißt, wir haben diese Zweifel wieder aufgenommen und das Konzept immer wieder überarbeitet. Daraufhin wollten wir die Verbände dazu bringen, sich zusammenzuschließen, doch leider hatten die vorerst den Mut nicht, obwohl es auf alle Einwände Antworten gab. Wir haben dann den Spieß umgedreht und die Frage gestellt, was es für die Verbände bräuchte, damit sie mitmachen. Deren Forderungen haben wir dann vertraglich festgehalten, dass wenn wir ihre Forderungen erfüllen, sie dann mitmachen. Primär war dann unsere Aufgabe einen Veranstalter, der die ganze Organisation übernimmt und bezahlt und natürlich auch einen Fernsehpartner, zu finden.

Wie lang hat das dann gebraucht, die Verbände auf den gleichen Nenner zu bekommen?

Der ganze Vorgang hat von 2011 bis März 2015 gedauert, dann konnten wir zu den Verbänden gehen und sagen, dass wir alle Forderungen erfüllt haben. Dann hatten wir die erste Sitzung mit den Verbänden, mit den Städten und den Broadcast-Partnern und kurz darauf kam das „Go“ und von 2015 hat es dann nochmal bis Sommer 2018 gedauert, bis wir die erste Edition der European Championships wirklich durchführen konnten. Die Herausforderung dabei war natürlich eben auch das Ganze so zu organisieren, dass wir auf der einen Seite Mehrwert für alle Parteien schafften, das heißt, ein Produkt zu erstellen, dass die Attraktivität hat, Zuschauer anzulocken. Das hat vom ersten Plan bis zur ersten Realisierung ungefähr acht Jahre gedauert. Ich könnte natürlich über die vielen Wendungen und Rückschläge erzählen, aber ich glaube, das sind so die essenziellen Punkte.

Sie haben nach den ersten European Championships 2018 gesagt, dass man am Anfang stehe und in Zukunft noch vieles besser machen könnte.  Was möchten Sie 2022 anders bzw. besser machen?

2018 war ein Prototyp, wir hatten eine Idee, wie das alles zustande kommen sollte, aber wir haben auf dem Weg viele Dinge rausgefunden, die man hätte besser bzw. anders machen können und da gibt es in allen Bereichen Verbesserungsmöglichkeiten. Das Programm kann man optimieren und die Zuschauererfahrung noch besser machen. Wir haben noch nicht alle Events am gleichen Ort gehabt, das wollen wir 2022 unbedingt besser machen. Und dann gab es natürlich in der ganzen Organisation immer noch viele Optimierungsmöglichkeiten, das Sponsoring beispielsweise. Die meisten Dinge haben 2018 eigentlich relativ gut funktioniert, aber es gab einen Bereich, wo wir effektiv gewisse Schwierigkeiten hatten, das war der Technologiebereich. Das betraf zum Teil Netzwerkzugänge bzw. Netzwerke zwischen den verschiedenen Verbänden. Wir haben immer versucht die ursprüngliche Organisation der Verbände so wenig wie möglich zu verändern, sondern wirklich nur zu verbessern was nötig ist und dabei nicht irgendein neues Modell zu finden, und das hat natürlich dazu geführt, dass wir gerade im IT-Bereich (Timing/Scoring/Results) fünf bis sechs verschiedene Systeme hatten. Diese Integration war erstens kompliziert und zweitens hat sie dann viele Schnittstellen gebracht, die natürlich anfällig waren in Form von Belastung, die dadurch deutlich größer war als man gedacht hatte, weil das Interesse an dem Event sehr groß war. Wir sind immer noch dabei zu versuchen, die Nachhaltigkeit zu erhören, zu sehen, wo können wir noch möglichst geringen Impact machen mit dem Event, was kann man einfacher organisieren, wo können wir noch weitere Kosten sparen, um auch den Nutzen zu erhöhen? Es gibt also viele Bereiche, an denen wir arbeiten und ich kann auch sagen, selbst mit 2022 werden wir damit noch nicht zum Abschluss kommen. Die große Herausforderung ist so gut wie möglich, aber auch so einfach wie möglich zu sein, das heißt, die Sachen möglichst simpel zu halten und möglichst klar und auch kostenmäßig im Rahmen zu bleiben, sodass eben die Städte das wirklich gegenüber den Steuerzahlern auch rechtfertigen können. Auf der einen Seite wollen wir natürlich Werte und Aufmerksamkeit schaffen, auf der anderen Seite das alles auch möglichst effizient und kostengünstig organisieren.

Welche Vorteile haben die European Championships für die einzelnen Sportarten und deren Verbände?

Ich glaube, für die Verbände ist es vor allem toll, dass sie eine Aufmerksamkeit erreichen, die sie alleine nicht erreichen würden. Für die Fernsehsender ist es heute schwierig, sieben, acht, neun Events nacheinander jedes Mal zu promoten, die Fernsehzeit frei zu machen und auch die Zuschauer jedes Mal dafür zu gewinnen, diese Events wirklich zu schauen. Wesentlich ist, dass die Verbände dadurch Zugang zu Zuschauersegmenten erhalten, die sie normalerweise nicht erreichen oder nur manchmal eben mit Olympischen Spielen. Wir nennen diese Zuschauer „Main Eventers“, das sind Leute, die zwar generell an Sport interessiert sind, aber eigentlich nicht tagtäglich diese Sportarten verfolgen, aber wenn das Event interessant und groß genug ist, schauen sie zu. Und diese Gruppe brauchen wir natürlich, um diese Zahlen, die wir anvisieren zu erreichen. Wir möchten aber eigentlich frischer, wir möchten nahbarer sein, das heißt, wir möchten ein Event zum Anfassen sein und nicht ein Event, bei dem man die Athleten von weit weg nur ganz klein sieht. Die Zuschauer sollen Erfahrungen möglichst nah und selbst machen, sowohl vor Ort als auch am Fernseher. Den Verbänden hilft das auch in ihrer Wahrnehmung weiter, was gerade in der Zeit in der wir uns jetzt befinden, wichtig ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass man Organisatoren findet und diese Organisatoren auch durch die Krise durchstehen, um das Event auch wirklich stattfinden zu lassen. Die Sicherheit gerade in der Hosting-Ebene hat enorme Vorteile für die Verbände, die ihnen einzeln nicht zur Verfügung stehen. Die Sportarten kommen zudem nun auch mit Sponsoren in Kontakt, zu denen sie normalerweise keinen Zugang haben und vielleicht können sie den einen oder anderen dafür gewinnen, auch weiter in ihren Sport zu investieren.

Auf der Website und den Social-Media-Kanälen des Events wird häufig von einem Wir-Gefühl für alle Teilnehmer gesprochen. Was tun Sie als Organisator, um dieses Wir-Gefühl entstehen zu lassen?

Für dieses Wir-Gefühl gibt es immer gewisse Zutaten, die sie dafür brauchen und was es dann am Ende wirklich ausmacht, ist vielleicht nicht immer so einfach zu sagen. Beim ersten Event haben wir viel davon profitiert, dass die Athleten, Verbände und die Zuschauer vor dem Fernsehen kaum Erwartungen gehabt haben und dann positiv überrascht waren. Die Vielfältigkeit des Programms hat den Leuten sehr gefallen, selbst die, die eventuell nur Interesse an einer bestimmten Sportart hatten, haben dann automatisch ein Interesse an den anderen Sportarten entwickelt. In Glasgow waren die Events am ersten Tag nicht ausverkauft und nach zwei, drei Tagen hat sich herumgesprochen: „Dort passiert etwas, was wir noch nie gesehen haben, da wollen wir auch hin“, und daraus ist eine Bewegung entstanden. Wir konnten diese Bewegung eigentlich nur unterstützen durch das Programm, das heißt durch den Zeitplan. Wir möchten das Event möglichst interessant machen, indem viele Dinge nebeneinander passieren, aber so, dass man es nachvollziehen kann, sowohl im Fernsehen als auch vor Ort. Wir haben uns unter eine gemeinsame Marke gestellt, die hoffentlich eine gewisse Positivität ausstrahlt. Jetzt müssen wir versuchen, diese Dinge weiterzutragen, aber Spontanität kann man nicht wiederholen und auch Neuheiten kann man nicht wiederholen und das heißt, wir müssen jetzt auch da Dinge neu denken und trotzdem diese Attribute möglichst behalten.

Inwiefern gelingt es diesem Event, einen bleibenden Eindruck zu schaffen, auch bezogen auf das Zusammenkommen der verschiedenen Länder und Kulturen?

Wenn man den Sport anschaut, dann hat es so ein Event in dieser Form in Europa eigentlich noch nicht gegeben. Wenn es auf einer weltweiten Plattform stattfindet, ist Europa nur ein Teil davon und dadurch, dass die European Championships nur europäisch sind, schafft das natürlich Identifikation. Dadurch haben wir auch in den politischen Verantwortungskreisen ein positives Echo erreicht, wodurch eine gewisse Offenheit entstanden ist, weil es eben neu und frisch ist. 2018 haben die Gastgeber Glasgow und Berlin das Event ursprünglich nicht unbedingt zusammen organisieren wollen und jeder hätte vielleicht lieber etwas anderes, etwas eigenes gemacht. Ich glaube aber, dass Deutschland und Schottland, insbesondere Berlin und Glasgow daraus Beziehungen aufgebaut haben, über die sie vielleicht zum Teil selbst überrascht waren. Es kam zu einer guten, konstruktiven Zusammenarbeit, nicht nur in Bezug auf das Event, sondern auch in vielen Elementen drum herum. Ich glaube, dass dadurch Europa zusammengebracht wird und so eine gewisse europäische Identifikation geschaffen wird. Ein Wir-Gefühl, das nicht von politischen Elementen der EU geprägt wird, sondern einfach vom politischen Europa hinweg über Brexit und Probleme mit der Schweiz und Differenzen innerhalb der EU. Es ist eine andere Art von Zusammenkommen und wir haben sehr viele positive Reaktionen auf die Initiative erhalten. Unsere Herausforderung wird sein, diese Frische, diese Positivität wirklich weiter zu tragen und auch unseren Grundsätzen treu zu bleiben und möglichst einfach, klar und nahbar zu bleiben und nicht in andere Richtungen abzudriften.

Wie stark schätzen Sie generell den Einfluss von Sport auf die Gesellschaft ein?

Ich glaube, dieser Einfluss ist sehr wichtig und ich glaube, er ist auch der Grund, weshalb öffentliche Organisationen helfen, Events wie unseres zu finanzieren und das sehr berechtigter Weise. Das hat eine große Rolle gespielt bei den Gesprächen mit den Verantwortlichen in Glasgow damals. Glasgow hatte eine Strategie, die zwar auf Sport aufgebaut war, aber viel weitere Ziele hatte. Die Stadt selbst hatte nicht die gesündeste Gesellschaft und eines der Ziele war immer, durch dieses Event eine Inspiration zu schaffen und die Attraktivität der sportlichen Aktivitäten in der Stadt zu erhöhen und das hat geklappt. Einer der höchsten Werte ist, dass es im Sport Grundwerte gibt. Abgesehen von der Betätigungsseite und von der sozialen Interaktion vertritt der Sport gewisse Werte, die von sehr vielen Menschen geteilt werden und die es zu schützen gilt. Das heißt, fairer Wettbewerb und Respekt für den Anderen, aber auch die Ambitionen, etwas Großes zu leisten und das waren alles Inspirationen für uns, dieses Event auf die Beine zu stellen. Unser Event heißt European Championships, das heißt, jede/r, die/der gewinnt, ist die/der Beste von über 600 Millionen Menschen in seiner Disziplin und das zu erreichen ist eine große Errungenschaft, die sehr viel von den Leuten abverlangt und auf die man auch sehr stolz sein kann. Auf der einen Seite aber zeigt das auch, was wirklich erreicht werden kann und was man schaffen kann und ich glaube, diese ganzen Faktoren, die sind in der Gesellschaft heute auch sehr gefragt und von großer Wichtigkeit. Es gibt einen sehr intensiven Austausch zwischen Sport und Gesellschaft in vielen Bereichen und ich glaube auch, dass das immer noch sehr wichtig ist. Das war auch für uns immer wieder ein großer Motivationsfaktor, um das Event überhaupt zu planen und durchzuführen.

European Championships:

  • Europameisterschaften der Sportarten Leichtathletik, Radsport (Straße, Bahn, Mountainbike und BMX), Kunstturnen, Rudern, Triathlon, Kanurennsport, Beachvolleyball, Tischtennis und Sportklettern
  • Erste Edition 2018 in Glasgow und Berlin
  • Zweite Edition 2022 in München, 11.-21. August
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Baujahr: 1999 Instagram-Account: mariusschmiedel13 Lieblingssportart: Fußball und Basketball Lieblingssportler/-in: Kobe Bryant, weil mich sein Spiel und sein Auftreten fasziniert

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