Cacaus Weg aus dem drohenden Kreislauf

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Wer heute an Brasilien denkt, denkt an Karneval in Rio, Copacabana, die Fußball-WM 2014, vielleicht noch an die Olympischen Spiele 2016  – aber nicht an Armut. In den vergangenen Jahren erlebte das fünftgrößte Land der Erde einen mächtigen Wirtschaftsaufschwung, liegt mittlerweile auf Platz sieben der Nationen mit dem größten Bruttoinlandsprodukt. „Die extreme Armut wird bald der Vergangenheit angehören“, sagte Präsidentin Dilma Rousseff im April. Milliarden werden in Sozialprogramme investiert. Dennoch leben in Brasilien noch immer rund eine Millionen Familien in extremer Armut.

VfB-Stürmer Cacau engagiert sich für Kinder und Jugendliche in seiner armen Heimatregion Mogi das Cruzes. (Bild: World Vision)

VfB-Stürmer Cacau engagiert sich für Kinder und Jugendliche in seiner armen Heimatregion Mogi das Cruzes. (Bild: World Vision)

Mogi das Cruzes, das rund 40 Kilometer östlich von Sao Paulo liegt, gehört zu einer der ärmsten  Regionen des WM-Gastgeberslands. Der triste Alltag ist ein Nährboden für Gewalt und Kriminalität. Das Gebiet ist von hohem Drogen- und Alkoholmissbrauch geprägt. Erwachsene und Jugendliche haben keine Arbeit und damit auch keine Perspektive für die Zukunft. „Es sind dort die gleichen Verhältnisse wie bei mir damals“, sagt Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau, dessen Vater alkoholkrank war. „Leute, die in der Nähe gewohnt haben, halfen uns manchmal mit Lebensmitteln und Geld aus oder haben auf uns Kinder aufgepasst“, erzählt der Stürmer des VfB Stuttgart über die Unterstützung, die er in seiner Heimat erfahren hat. „Deswegen hab ich mir immer gedacht, dass ich den Menschen und vor allem den Kindern in meiner Heimatstadt etwas zurückgeben möchte, sobald ich es nach oben geschafft habe. Ich möchte ihnen einen Weg zeigen, wie sie diesem drohenden Kreislauf entrinnen können.“

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Bislang spielen die Kinder auf einem holprigen Fußballplatz ohne Begrenzungen. (Bild: World Vision)

„Es war schon immer mein Herzenswunsch, ein Projekt in Brasilien zu machen“, sagt Cacau. Vor drei Jahren kam dann der Kontakt des gläubigen Christen mit World Vision zustande. In der Zeit ist das Vertrauen so groß geworden, dass er die christliche Hilfsorganisation, die in 97 Ländern weltweit aktiv ist, als Partner auswählte. Im Juni startete das Projekt „Sports for Life“, das zunächst auf zwei Jahre angelegt ist und von dem rund 80 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren im Armenviertel Jefferson in Mogi das Cruzes profitieren sollen. „Über den Fußball und andere Sportarten sollen diesen Kindern viel Freude und ein Gemeinschaftsgefühl sowie Werte wie Respekt und Nächstenliebe vermittelt werden, damit ihr Selbstvertrauen gestärkt wird und sie dadurch ihren Alltag besser gestalten können“, nennt Cacau das Ziel des Projekts. „Uns ist wichtig, dass wir nicht nur für die Projektteilnehmer arbeiten, sondern sie aktiv mit einbeziehen“ sagt World-Vision-Vorsitzende Christoph Waffenschmidt. Als erste Maßnahme des Projekts werden Jugendliche zurzeit zu Trainern und Betreuern ausgebildet.
Im zweiten Jahr des Projekts stehen weitere Aktivitäten, wie Informationsveranstaltungen für Kinder und Familien, Durchführung gemeinsamer Aufräum- und Reparaturarbeiten oder die Gründung einer Fußballschule auf der Agenda des Projektleiters Raniere Pontes und seiner Mitarbeiter vor Ort. Zudem soll der bestehende Fußballplatz instandgesetzt und ein Mehrzweck-Sportplatz speziell für die Kinder und Jugendliche gebaut werden. Zuletzt hat sich Cacau im Sommer ein Bild von der Situation vor Ort gemacht. Viele waren anfangs skeptisch, ob ein deutscher Profifußballer überhaupt kommen würde. Oft wurden Versprechungen gemacht, die am Ende nicht eingehalten wurden. „Umso schöner war es für sie, als ich wirklich da war“, erzählt er. „Man hat in den Augen der Kinder gesehen, wie sehr sie sich freuen. Und die Eltern konnten nicht glauben, was wir für ihre Kinder da aufbauen und wie ernst wir es mit diesem Projekt meinen.“

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Projektleiter Raniere Pontes und die Kinder freuen sich über die Zusammenarbeit mit Cacau. (Bild: World Vision)

Wenn Cacau an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, löst das „sehr schöne und warme Gefühle“ in ihm aus – trotz der schwierigen Umstände, in denen er aufgewachsen ist. „Wenn ich dann sehe wie glücklich die Kinder sind, ist das unbezahlbar. Das motiviert mich, ihnen weiter zu helfen“, schwärmt er. In den Wochen und Monaten bis zum nächsten Besuch lässt sich der 23-malige Nationalspieler von seiner Schwägerin und ihrem Ehemann informieren, die das Projekt vor Ort mitbetreuen und ihn mit Bildern und Neuigkeiten auf dem Laufenden halten. „Es ist für mich sehr wichtig, nicht nur ein Repräsentant des Projekts zu sein, sondern auch Tipps und Anregungen weiterzugeben“, sagt Cacau. Im Dezember wird der 32-Jährige das Projekt zum nächsten Mal besuchen.

Einen Traum wird Cacau den Kindern und Jugendlichen nicht erfüllen können: den Besuch eines WM-Spiels live im Stadion. „Ich habe selbst noch keine Karte“, gibt Cacau zu, der aber während des Turniers auf jeden Fall in seiner Heimat sein wird – sei es als TV-Experte oder Fan. Dennoch wird es für die Projekt-Teilnehmer eine Art Weltmeisterschaft geben. Ende Mai reisen Mannschaften aus verschiedenen weltweiten Projekten nach Recife in den Nordosten Brasiliens, um dort den World-Vision-Cup auszuspielen, mit dem die Organisation auf die soziale Ungleichheit im Land aufmerksam machen will. „Da werden sie etwas erleben und neue Motivation schöpfen“, sagt Cacau. Und einen weiteren Schritt aus dem drohenden Kreislauf machen.

Denis Raiser

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