Selbst Schummeln hilft nicht

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Hört man das Wort Gesundheitssport, denkt man meist an Rentner, die sich kaum noch bewegen können. Dass hinter dem Begriff mehr steckt, wird mir schnell bewusst, als ich bei der „Manpower“ der TSG Tübingen teilnehme.


Zehn Minuten vor Kursbeginn verdrücke ich noch schnell eine Currywurst mit Pommes. Natürlich die große Portion. Gleich treffe ich mich mit Oliver Lapaczinski vor der Sporthalle an der Hügelschule im Französischen Viertel. Lapaczinski leitet dort den Kurs „Manpower“, im Rahmen eines Uni-Seminars soll ich beim Gesundheitssport mitmachen. Da der Kurs in der Regel von Männern ab 50 Jahren besucht wird, ist das Programm für mich als Sportstudent und Fußballer nicht besonders anstrengend. Denke ich.

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Nichts da Bauch, Beine, Po – vor allem beim Basketball gibt jeder alles.

Während Lapaczinski die ersten Stationen aufbaut, fühle ich mich in die 5. Klasse zurückversetzt. Alle Kursteilnehmer schnappen sich einen Basketball. Zwei Sekunden später fliegen die Bälle kreuz und quer durch die Luft, auf den Korb, gegen die Wand, auf die anderen Kursteilnehmer – Hauptsache, irgendwas wird getroffen. „Das Ziel des Kurses ist, dass die Teilnehmer fit bleiben. Allerdings achten wir auch auf das soziale Miteinander, sonst lässt die Motivation schnell nach“, verrät Lapaczinski mir. Nach acht Stunden Arbeit soll der Kurs kein eintöniges Rehaprogramm sein, sondern vielmehr einen sportlichen Rahmen zum Austoben bieten. Eben wie ein Fußballtraining am Abend, nur etwas angepasst.

Zum Aufwärmen laufen wir locker durch die Halle. Mal nehmen wir die Knie hoch, mal fersen wir an. Spektakulärer wird es, als sich jeder eine Zeitung nehmen soll. „Setzen sich jetzt alle in den Kreis und lesen sich gegenseitig vor?“, frage ich mich. Das wäre dann doch wie beim Kaffeeklatsch. Doch nichts da, die Zeitung fungiert als eine Art Schlagstock. Nun soll ich den anderen auf den Rücken hauen, ohne selbst getroffen zu werden. Erstmal langsam, denke ich mir. Die kriegen mich eh nicht, und zu hart will ich bei den alten Männern auch nicht zuschlagen. Zehn Sekunden später haben mich bereits drei Männer getroffen. Beim vierten Treffer bin ich so erstaunt, dass mir mein Zeitungsstock aus der Hand fällt. Der Übeltäter lacht mich aus. Auch bei den folgenden Beweglichkeitsübungen falle ich als Sportstudent nicht positiv auf, auch im höheren Alter kann man eine gefaltete Zeitung anscheinend noch sehr elegant um die Hüften kreisen lassen. Beweglichkeitsübungen auf alternative und elegante Art.

Trotz Schummeln beim Kartentauschen gewinnen wir nicht.

Trotz Schummeln beim Kartentauschen gewinnen wir nicht.

Weiter geht es mit einer Mischung aus Sport und Denksport. „Wer nicht denkt, der altert“, wird Lapaczinski später sagen. Er bringe seinen Teilnehmern immer wieder neue Bewegungen bei, sagt er, das verbessere die kognitiven Fähigkeiten. In der Praxis sieht das so aus, dass wir die Zeitungen zusammenknüllen und als Bälle nutzen. Wir sollen sie hochwerfen und fangen, hochwerfen und mit links fangen, hochwerfen und klatschen und fangen. Ich trainiere gleichzeitig und unfreiwillig meinen Rücken, weil mir die Bälle so oft runterfallen, dass ich mich ständig bücken muss. Morgen melde ich mich am Institut für den Kurs „Koordinationsschulung“ an, nehme ich mir vor.

Anschließend spielen wir eine Poker-Variante mit Bewegung. Ich bilde ein Pärchen mit Willfried. Wir bekommen fünf Karten und dürfen erst tauschen, wenn wir eine bestimmte Anzahl an Runden gelaufen sind. Jetzt muss ich aber mal besser sein, ich bin 30 Jahre jünger, denke ich. Sekunden später jagt Willfried los, er läuft die ersten fünf Runden in gefühlter Weltrekordzeit. Nach drei Tauschdurchgängen haben wir zwei Paare, eigentlich ein gutes Blatt. Leider haben alle anderen mindestens eine Straße, sie hatten anscheinend mehr Glück beim Tauschen. Wobei die Regeln auch eher als Richtlinie interpretiert wurden. Verlieren ist hier also ähnlich beliebt wie im Schulsport. Auch die zwei nächsten Runden verlieren Willfried und ich, obwohl wir diesmal ebenso kräftig schummeln. Dafür bin ich mittlerweile ziemlich durchgeschwitzt.

Schwitzen und spielen, diese Kombination ist gewollt. „Neben der Fitness steht bei uns auch der Spaß im Vordergrund, denn die Leute kommen ja freiwillig“ sagt Lapaczinski, er fügt an: „Unsere Kurse sind oft ausgebucht, den Leuten ge-fällt das Konzept.“ Viele Krankenkassen erstatten die Kosten für einen kompletten Kurs, oft allerdings auch nicht mehr. „Das ist schade, da man durch Prävention langfristig Kosten sparen kann. Viele Operationen könnte man durch sportliche Aktivität ersetzen“, glaubt Lapaczinski.

Werner punktet und punktet und wirft uns zum Sieg.

Werner punktet und punktet und wirft uns zum Sieg.

Spaß macht mir der nächste Programmpunkt nicht wirklich. Jetzt kommen Kräftigung und Beweglichkeit. Lapaczinski teilt die Übungen in drei Schwierigkeitsstufen ein, jeder kann sich die Schwierigkeit aussuchen. Während wir uns kräftigen, inspiziert Lapaczinski unsere Ausführung und gibt jedem Tipps, was er noch verbessern kann. Auch deshalb ist der Kurs auf 15 Teilnehmer beschränkt. Er wolle kein „Massenzappeln“ veranstalten, sagt Lapaczinski, er möchte auf jeden Einzelnen eingehen.

Zum Abschluss spielen wir Basketball. Lapaczinski mahnt vor Beginn der Partie zur Vorsicht, das Programm war anstrengend. Müde ist aber keiner – außer mir. Ich habe trotzdem ein Erfolgserlebnis, meine Mannschaft gewinnt das Spiel. Ich bin zwar ohne Punkt geblieben, dafür hat mein 70 Jahre alter Teamkollege Werner reihenweiße Dreiepunktewürfe versenkt. „Gesundheitssport ist wohl doch mehr als bedachtes Bewegen“, sage ich am Ende des Kurses zu Lapaczinski. Er lacht. „Der Begriff ist wirklich etwas irreführend“, antwortet er, „das schreckt auch viele ab. Spiel, Spaß, Gesundheit ist eigentlich passender!“

Als ich kurz nach 22 Uhr in der Umkleide sitze, fühle ich mich ähnlich erschöpft wie nach einem anstrengenden Kurs am Sportsinstitut. Ich hätte besser die kleine Portion Pommes bestellt. Oder gleich ein Müsli.

Jonas Frey

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