Fairness ist ein großes Thema im Sport – und eines seiner Grundprinzipien. Doch schon in Sportarten wie Basketball und Volleyball ist die Körpergröße entscheidend – kleine Spieler sind in vielen Situationen benachteiligt. Im Behindertensport gehen die Unterschiede der Athleten über die Körpergröße hinaus, die Sportler haben verschiedenste Handicaps. Da ist es mit der Gleichheit nicht weit her. Startklassen sollen dabei helfen, faire Wettkämpfe zu ermöglichen. Doch wo zieht man die Grenze bei der Klassifizierung?

„Eine komplette Chancengleichheit wird es nicht geben, da die Behinderungen der Athleten zu unterschiedlich sind“, sagt Maria Kühn – hier in Aktion bei der Europameisterschaft 2011 in Israel. Foto: DRS/Joneck
„Eine komplette Chancengleichheit wird es nicht geben, da die Behinderungen der Athleten zu unterschiedlich sind“, sagt Maria Kühn – hier in Aktion bei der Europameisterschaft 2011 in Israel. (Bild: DRS/Joneck)

Die Stuttgarterin Maria Kühn spielt seit 2006 Rollstuhlbasketball – und dies sehr erfolgreich. Mit der deutschen Damen-Nationalmannschaft gewann sie 2012 bei den Paralympics in London die Goldmedaille. Doch bevor behinderte Athleten ihren Sport ausüben können, steht ein komplexer Prozess bevor: Die Klassifizierung. Sie dient dazu, einen Vergleich zwischen behinderten Athleten zu ermöglichen, und soll faire Wettkämpfe garantieren. Entsprechend der körperlichen Funktion werden den Spielern im Rollstuhlbasketball Punkte von 1 bis 4,5 zugewiesen. Die Punktesumme aller fünf Spieler einer Mannschaft darf 14 nicht überschreiten. „Ich habe einen Punkt. Das ist der niedrigste Wert, den man erreichen kann, und der höchste Behinderungsgrad“, erklärt Kühn, die seit einem Reitunfall querschnittsgelähmt ist. Umso weniger körperliche Restfunktionen vorhanden sind, desto niedriger ist der Punktewert. Kühns Rumpfaktivität ist stark eingeschränkt, ihre Klassifizierung ändert sich nicht. Allerdings ist das nicht bei jedem der Fall. „Ich kenne Rollstuhlbasketballer, die wurden im Laufe der Zeit hoch- oder herunterklassifiziert, weil sich ihre körperlichen Funktionen geändert haben“, sagt die 31-Jährige.

In London nahmen etwa 4.200 Sportlerinnen und Sportler aus 160 Ländern an den Paralympics teil. Diese Athleten wurden alle mindestens einmal in ihrer Laufbahn klassifiziert. Viele jedoch wesentlich häufiger. Neuklassifizierungen sind selbstverständlich nicht nur im Rollstuhlbasketball, sondern auch in anderen Sportarten möglich. Der deutsche Radsportler und mehrfache Paralympics-Sieger Michael Teuber kündigte nach den Paralympischen Spielen in London beispielsweise an, nicht mehr in Bahnwettbewerben antreten zu wollen. „Teuber war wohl an der Grenzlinie und daher hat man entschieden, ihn neu zu klassifizieren“, vermutet Thomas Nuss, der Geschäftsführer des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes. Zum Nachteil Teubers. „Eine Umklassifizierung ist immer problematisch“, sagt Nuss. „Entweder hat man Glück und wird günstiger eingestuft oder es wird dadurch schwieriger.“ Teuber wurde in London einer anderen Startklasse als bisher zugeordnet und seine Siegchancen schwanden immens. „Es wird immer Leute geben, die sich ungerecht behandelt fühlen“, sagt die Rollstuhlbasketballerin Maria Kühn. „Aber es ist einfach zu vielfältig und schwierig, um bei der Klassifizierung eine einheitliche Linie fahren zu können.“

Willkürlich verändern sich die Einstufungen der Athleten nicht. Die Klassifizierung im Behindertensport wird von professionell ausgebildeten „Klassifizierern“ durchgeführt. Laut Kühn hat im Rollstuhlbasketball zuerst der Trainer ein Vorschlagsrecht, er teilt den Verantwortlichen seine Einschätzung über die Einstufung des Athleten mit. Obligatorisch sind eine Befragung der Athleten und sportmotorische Tests – auch um Betrugsversuche zu verhindern. Auf internationaler Ebene sind die „Klassifizierer“ meist bei Turnieren vor Ort. Daher kommt es ab und an vor, dass Athleten während oder nach einem Turnier umklassifiziert werden.

Ein einheitliches Verfahren fehlt. „Es hängt immer davon ab, welche Behinderung klassifiziert werden muss“, erläutert Thomas Nuss. Bei Amputationen ist das Verfahren eindeutig. „Der Athlet wird einmal angeschaut und dann in eine Klasse eingestuft, die dauerhaft gilt“, sagt Nuss. Das ist die sogenannte permanente Klassifizierung, aber nicht in allen Sportarten ist die Klassifizierung wie in Stein gemeißelt. Dann greift der sogenannte „Review-Status“. „Der Klassifizierer legt fest, wann wieder eine Überprüfung stattfindet. Das kann alle zwei Jahre, aber auch jährlich sein“, sagt Nuss, der 1988 bei den Paralympischen Spielen in Seoul die Silbermedaille im Diskuswerfen und die Bronzemedaille im Kugelstoßen gewann. Athleten mit einer Sehbehinderung können beispielsweise häufiger klassifiziert werden.

Rollstuhlbasketballerin Maria Kühn, die 2012 bei den Paralympics in London die Goldmedaille gewann, wünscht sich in manchen Disziplinen andere Klassifizierungsverfahren. Foto: Privatbild Kühn
Rollstuhlbasketballerin Maria Kühn, die 2012 bei den Paralympics in London die Goldmedaille gewann, wünscht sich in manchen Disziplinen andere Klassifizierungsverfahren. Foto: Privatbild Kühn

Im Behindertensport werden drei verschiedene Klassifizierungsverfahren eingesetzt: Die Athleten gehören im ersten Fall einer Startklasse aufgrund ihrer Behinderungsart – ausgehend von der ärztlichen Diagnose – an. Bei der funktionalen Klassifizierung wird das Ausmaß der Funktion ausgehend von der Sportart und der Fähigkeit des Einzelnen, trotz Behinderung diese Sportart auszuüben, bewertet. Als dritte Variante gilt die Einstufung nach dem Handicap durch eine numerische Bezifferung des Funktionsverlustes, mit dem die sportliche Leistung gemessen wird. Das heißt Athleten mit unterschiedlichsten Handicaps starten gemeinsam und nur einer kann gewinnen. Aber warum werden unterschiedliche Maßstäbe angelegt? „Die Einstufung in Klassen handhaben die Verantwortlichen jeder Sportart anders“, sagt Nuss. „Die Schwimmer haben ihr Klassifizierungssystem schon komplett auf funktional umgestellt.“ Es werde nur noch geschaut, inwiefern eine Behinderung mit anderen Handicaps vergleichbar sei, und nicht durch Behinderungsarten getrennt. Teilweise herrschen innerhalb der Disziplinen einer Sportart auch noch Unterschiede. „Es kann durchaus sein, dass ein Athlet im Brustschwimmen eine andere Klassifizierung als im Kraulen hat.“

Andere Sportarten sind in dieser Hinsicht noch nicht so weit. In der Leichtathletik wird laut Nuss aktuell nach der Behinderungsart klassifiziert. Dies führt mitunter zu Verwirrung. Manche Disziplinen erscheinen derweil fairer als andere. Rohlstuhlbasketballerin Kühn findet: „In verschiedenen Sportarten wird und sollte es Änderungen geben.“ Auch Nuss ist davon überzeugt, denn „funktionale Klassifizierungen machen alleine aufgrund der besseren Vergleichbarkeit mehr Sinn und sind daher deutlich im Vorteil gegenüber den anderen Verfahren“. Ein Grund, warum  die funktionale Klassifizierung teilweise abgelehnt wird, scheint der zeitliche Aufwand zu sein. Schließlich müssen die Klassifizierungskriterien  zuerst aufwändig erarbeitet werden. Bei allem Positiven darf außerdem ein weiterer Aspekt funktionaler Verfahren nicht vergessen werden. „Es wird für den Zuschauer noch schwieriger, das Ganze zu verstehen“, sagt Nuss. Das fällt dem Publikum ohnehin schon schwer, was aber in der Vergangenheit auch an einer teilweise schlechten Informationskultur lag. „Bei den Paralympischen Spielen in London 2012 wurden die Informationen hingegen hervorragend transportiert“, betont Nuss.

Eine Vergleichbarkeit der Leistungen sollen derweil verschiedene Koeffizienten unterstützen, in denen Leistung und Behinderungsgrad miteinander verrechnet werden, was wiederum unterschiedliche Handicaps berücksichtigt. „Ob dies fair ist, hängt immer davon ab, wie der Koeffizient ermittelt wurde“, sagt Nuss. Beim Skifahren ticken die Uhren wortwörtlich anders. Je nach Behinderung wird die reale Zeit mit einem festgelegten Koeffizienten verrechnet, unterschiedlich große Koeffizienten beziffern dabei verschiedene Handicaps. „Es ist durchaus möglich, dass ein Sportler gewinnt, der mehr Zeit benötigt, aber aufgrund seiner Behinderung einen niedrigeren Koeffizienten hat. Dieses System ist aber nicht für jede Sportart geeignet“, sagt Nuss.

Seit einem Reitunfall ist Maria Kühn auf den Rollstuhl angewiesen. Kühn haderte nicht lange. Die Belohnung folgte 2012 als sie mit der Rollstuhlbasketball-Mannschaft zu den Paralympics nach London fuhr. Foto: Privatbild Kühn
Seit einem Reitunfall ist Maria Kühn auf den Rollstuhl angewiesen. Kühn haderte nicht lange. Die Belohnung folgte 2012 als sie mit der Rollstuhlbasketball-Mannschaft zu den Paralympics nach London fuhr. Foto: Privatbild Kühn

Nicht immer herrscht – auch im Rollstuhlbasketball – Einigkeit darüber, in welche Klasse ein Athlet eingestuft wird. Aber wo lässt sich die Grenze ziehen? „Zwischen den verbliebenen Restfunktionen“, sagt Maria Kühn und ergänzt: „Das liegt aber immer ein bisschen im Ermessen des einzelnen Klassifizierers.“ Die Klassifizierungsverfahren im Rollstuhlbasketball findet Kühn gerecht, sie sagt aber auch: „Es gibt immer wieder Spieler, bei denen man sich fragt, wie sie zu ihrer Klassifizierung gekommen sind.“ Beim Einstufungsprozess steht die gezeigte Leistung im Mittelpunkt, dies kann aber mitunter zu Problemen führen. Denn Kühn ist überzeugt, dass sich manche Spieler während der Beobachtung durch die Klassifizierer „blöd anstellen“ und nicht die volle Leistung abrufen.

Ein Beispiel vom 200-Meter-Leichtathletik-Finale der Männer in London verdeutlicht die allgemeine Problematik der Startklassen: die Vergleichbarkeit der Leistungen. Der Südafrikaner Arnu Fourie lief in 22,49 Sekunden Weltrekord, wurde jedoch nur Vierter, da er als einseitig Unterschenkelamputierter im gleichen Endlauf wie die beidseitig amputierten Oliveira und Pistorius antreten musste. „Hier muss man sich fragen, wo ziehe ich die Grenze? Aber es gibt keine komplett gleichen Behinderungen“, sagt Nuss. Ein einseitig Unterschenkelamputierter könne sich ebenfalls über Fourie beschweren, angenommen er habe den Unterschenkel an einer anderen Stelle abgenommen bekommen. „Man will dadurch eine Gleichstellung erreichen, die man eigentlich gar nicht schaffen kann“, kommentiert Maria Kühn. „Der Sport ist aber immer noch leistungsorientiert. Jeder Sportler sollte sich fordern müssen, um zu gewinnen. Und das ist bei gleichen Behinderungen nicht immer der Fall, da die Konkurrenz zu dünn ist.“ Wie es scheint, waren selbst die Verantwortlichen in London nicht glücklich mit ihrer Entscheidung. Für Rio ist jedenfalls geplant, beide Klassen getrennt starten zulassen.

Die Themen Chancengleichheit und Gerechtigkeit werden im Behindertensport oft diskutiert. Durch Startklassen versuchen die Verantwortlichen, Athleten in verschiedene vergleichbare Gruppen einzuteilen. Aber selbst innerhalb der Startklassen herrschen teils große Unterschiede. „Es wird versucht, es fair zu gestalten“, sagt der Geschäftsführer des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes. „Wenn aber jeder Millimeter interpretiert wird, wird es immer unfair sein.“ Laut Nuss werden weitere Fälle folgen, in denen etwas nicht passt. „Aber wenn man das nicht akzeptiert, kommt man wieder zu Einzelregelungen auf Kosten der Verständlichkeit des Ganzen.“

Der Behindertensport ist in einem Zwiespalt. Soll die Zahl der Startklassen erhöht werden, um die Vergleichbarkeit der Leistungen zu verbessern? Oder würde das die Attraktivität des Sports mindern? „Die aktuelle Handhabung ist momentan der beste Weg“, sagt Maria Kühn, die bei den Mainhatten Skywheelers Frankfurt in der Rollstuhlbasketball-Bundesliga aktiv ist. „Eine komplette Chancengleichheit wird es nicht geben, da die Behinderungen der Athleten zu unterschiedlich sind.“ Beide Modelle werden kontrovers diskutiert – sowohl die Erhöhung als auch die Reduzierung der Anzahl von Startklassen. Kühn ist davon überzeugt, dass eine Erweiterung der Startklassen problematisch ist: „Wenn man für jede Behinderung eine eigene Startklasse einrichten würde, wäre das System noch viel undurchsichtiger.“

Thomas Nuss, Geschäftsführer des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands, hält funktionale Klassifizierungen in allen Sportarten für den besten Weg. Foto: Privatbild Nuss
Thomas Nuss, Geschäftsführer des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands, hält funktionale Klassifizierungen in allen Sportarten für den besten Weg. (Bild: Privatbild Nuss)

Thomas Nuss beschreibt dies an einem Beispiel, das die Olympischen Spiele mit den Paralympics vergleicht. „Bei Olympia gibt es zwei Entscheidungen im 100 Meter-Lauf – eine für die Frauen und eine für die Männer.“ Im Behindertensport seien es etwa 38 verschiedene Läufe in diesem Bereich. Unübersichtlichkeit ist da vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass der Fokus der Zuschauer verloren geht. Welches ist nun das „richtige“ Finale? „Das IPC (Anmerkung der Redaktion: Internationales Paralympisches Komitee) und der Ausrichter stehen dadurch immer vor dem Spagat, was sie anbieten sollen“, sagt Nuss. Um größere Übersichtlichkeit zu schaffen, war in den vergangenen Jahren die Zusammenlegung die Methode der Wahl, dies führte aber zu immensen Athletenzahlen in einer Startklasse.

Für die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro ist eine Abkehr vom praktizierten System geplant. „Es wird dort wohl keine zusammengelegten Klassen mehr geben“, prognostiziert Nuss. Auf der einen und auf der anderen Seite müssen Abstriche gemacht werden. „Es gibt eine fixe Oberzahl an Wettbewerben, die vom IOC (Anmerkung der Redaktion: Internationales Olympisches Komitee), IPC und dem lokalen Ausrichter vertraglich festgelegt sind“, sagt er. 170. Diese Anzahl an Wettbewerben ist zugelassen. Es stehen theoretisch jedoch weit mehr Entscheidungen an. „Das ist ein heißes Eisen. Da muss man sich gut überlegen, wo man ansetzt“, sagt Nuss. Ist eine komplette Zufriedenheit der Athleten  daher eine Illusion? Kühn ist überzeugt: „Wenn jeder versteht, wie schwierig das ist, etwas offener ist und nicht nur an sich und seine Sportart denkt, ist das schon drin.“ „Alle zufrieden zu stellen“, sagt Nuss, „ist nicht möglich.“ Aber man könne mit Sicherheit eine höhere Zufriedenheit durch Modifikationen erreichen. Laut dem Geschäftsführer sollten als nächster Schritt in jeder Sportart funktionale Klassifizierungen eingeführt werden, kombiniert mit Koeffizienten sei dann eine hohe Zufriedenheit der Athleten möglich. Musterbeispiele hierfür sind das Schwimmen und Skifahren, die bereits funktional und mit Koeffizienten bewerten. Maria Kühn ist mit der Klassifizierungsregelung in ihrer Sportart weitestgehend zufrieden: Optimierungsmöglichkeiten sind aber auch im Rollstuhlbasketball möglich. Und vielleicht sehen die Zuschauer in Zukunft dadurch noch fairere Wettkämpfe. Die Zeit läuft. Rio 2016.

Autor: Florian Rotberg

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