Vom Gefängnis in die Handball-Bundesliga – Dragan Tubic musste viele Grenzen überwinden, um sich in der höchsten deutschen Spielklasse durchzusetzen

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In den deutschen Profiligen sind viele Ausländer im Einsatz. Alleine in der Handball-Bundesliga ist jeder dritte Spieler in dieser Saison Ausländer. Einer dieser Spieler ist der Serbe Dragan Tubic, der seit der Saison 2012/2013 für den Handball-Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten spielt. Dafür musste Tubic viele Grenzen überwinden und tut dies noch immer – Tag für Tag.

Seine erste Nacht in Deutschland verbrachte der Handballspieler Dragan Tubic im Gefängnis. Kurz nachdem Tubic im Juli am Stuttgarter Flughafen gelandet war, zog ihn ein Zollbeamter aus der Warteschlange. Der 27 Jahre alte Serbe hatte sich nicht um sein Arbeitsvisum gekümmert. Während Tubic im Büro des Beamten wartete, führten die Verantwortlichen des HBW Balingen-Weilstetten etliche Telefonate mit dem Stuttgarter Flughafen, um ihren neuen Spieler durch die Passkontrolle zu lotsen. Tubic sagte: „Ich bin kein schlechter Mensch, ich will doch nur Handball spielen.“ Es half nichts. Die Beamten steckten Tubic ins Gefängnis, am nächsten Morgen saß er im Flugzeug nach Belgrad. Drei Wochen lang hielt er sich in seiner Heimat fit, alleine. Dann kam das Visum.

Ein halbes Jahr später ist Dragan Tubic Stammspieler in der Handball-Bundesliga, im rechten Rückraum beim HBW Balingen-Weilstetten. Der 27 Jahre alte Serbe ist nicht der einzige Ausländer beim HBW, vermutlich aber derjenige, der auf seinem Weg nach Balingen die meisten Grenzen überwinden musste.

Dragan Tubic spielt seit 2012 für den HBW Balingen-Weilstetten.

Dragan Tubic spielt seit 2012 für den HBW Balingen-Weilstetten. Foto: HBW

Nachdem Tubic 2009 zum besten Spieler in der serbischen Liga gewählt wurde, heuert Tubic im Februar 2010 für ein halbes Jahr beim polnischen Verein KS Kielce an. Von dort aus geht seine Reise weiter nach Dänemark, zum Erstligisten Mors ThyHandbold. Für die Nationalmannschaft Serbiens bestreitet er 17 Länderspiele, 2010 ist er bei der Europameisterschaft im Einsatz, 2011 bei der Weltmeisterschaft. Zwei Jahre lang verdingt sich Tubic in Dänemark, zusammen mit seinem Landsmann Krsto Milosevic. Im August 2012 wechseln dann beide nach Balingen. HBW-Trainer Rolf Brack sagt: „Wir haben uns schon erhofft, dass die Verpflichtung zweier Landsleute die Integration beschleunigt.“

Es kommt anders. Milosevic passiert zwar unfallfrei die Passkontrolle, anders als Tubic. Dafür ist Milosevic ständig verletzt. In der Winterpause wechselt er in die Schweiz. Tubic muss sich ohne Landsmann integrieren. Seine Mitspieler springen ein. „In diesem Jahr haben wir ein komplexes Outdoor-Abenteuer im Schwarzwald durchgeführt, das den Teamgeist stärken sollte“, sagt Abwehrspieler Daniel Wessig. Nachwuchsspieler Felix König bewertet solche Maßnahmen als „wichtigen Bestandteil der Vorbereitung zur Integration neuer Spieler“. Seine Mitspieler geben ihm einen Spitznamen, „Tuba“ rufen sie ihn. Um seine Integration voranzutreiben, besucht Tubic vier Monate lang einen Sprachkurs in Balingen. Mittlerweile bringt er sich die Sprache selbst bei. Seine Fortschritte behält er noch für sich. „Die Ausrede, er traue sich nicht, Fehler zu machen, zieht nicht mehr lange“, scherzt Mitspieler Wessig. Denn momentan greift Tubic lieber noch auf die englische Sprache zurück, um mit seinen Mitspielern zu kommunizieren.

Außerhalb des Klubs fällt es Tubic schwer, Kontakte aufzubauen. In einer Kleinstadt wie Balingen lernt er viele Menschen oberflächlich kennen, mehr nicht. Ab und zu geht er ins „Ausländercafé“, wie Tubic es nennt. Dort treffen sich Menschen verschiedener Nationen, mit denen sich Tubic über das Leben in Deutschland austauscht. Ansonsten verbringt er die meiste Zeit mit seinen Mitspielern: Kaffee trinken („Dragan liebt Kaffee“, sagt Mitspieler König), Fußball schauen, trainieren, Auswärtsspiele. Ab und zu nach Stuttgart fahren, vor allem dann, wenn Tubic keine Lust mehr aufs ländliche geprägte Balingen verspürt. „Balingen dürfte ein bisschen größer sein“, sagt Tubic.

Seine Familie sieht Tubic seit drei Jahren meist nur virtuell, per Videotelefonat, aber dieser fast tägliche Kontakt ist ihm wichtig. Seine Freundin studiert in Serbien, mit ihr telefoniert er fast täglich. „Durch eine Heirat könnten wir zusammen in Deutschland leben, aber sie müsste ihre Berufswünsche hinten anstellen. Das möchte ich nicht von ihr verlangen“, erklärt Tubic. Um einen Teil seiner Familie in unmittelbarer Nähe zu haben, würde er gerne seinen kleinen Bruder, einen talentierten Fußballer, nach Deutschland holen. Einige Balinger haben Tubic angeboten, seinem 22-jährigem Bruder Goran ein Probetraining bei einem Balinger Fußballverein zu ermöglichen. Jedoch ist auch bei Goran das Problem mit dem Visum aufgetreten, sodass er vorerst auf die Sportkarriere in Deutschland verzichten muss.

Der Serbe hat sich in der Handball-Bundesliga etabliert. Foto: HBW

Der Serbe hat sich in der Handball-Bundesliga etabliert. Foto: HBW

Sechs bis sieben Jahre, sagt Tubic, wolle er noch im Ausland spielen, auch wenn das bedeutet, sechs bis sieben Jahre von seiner Familie getrennt zu sein. Der Serbe hatte immer das Ziel, professionell Handball zu spielen, am besten im Ausland. In Deutschland, in der stärksten Liga der Welt, hat Tubic die Chance mit seinem Gehalt auch die Familie in Serbien zu unterstützen. Auf die Frage, wie viel Tubic in Deutschland verdient: „Viel mehr als ich in Serbien bekommen würde.“

„Mittlerweile ist Tubic in Balingen angekommen, er hat sich eingelebt, sportlich wie privat. Er bringt sehr viel Fleiß, Spaß und Professionalität mit ein“, so Teamkollege Wessig. Über die Episode am Stuttgarter Flughafen lacht Tubic heute, „eine lustige Geschichte“, sagt er. HBW-Trainer Brack hat beobachtet: „Dragans Mentalität und Orientiertheit auf den Sport haben ihm geholfen, die sozialen Grenzen zu überwinden.“ Und nebenbei, wie man Passkontrollen an deutschen Flughäfen passiert, ohne im Gefängnis zu landen.

Katharina Hosser

Den Trailer zum Beitrag gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=WvHn5NZ0fgE

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