Kaffeetassen für den Titel

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Verbote, spöttische Blicke, dumme Sprüche und seltsame Siegprämien: Es war ein harter Weg für den Frauenfußball, bis er sich in Deutschland etablierte. Eine kleine Geschichtsstunde.

Bild: Ines Bentz

Frauenfußball ist seit 1996 eine offizielle olympische Disziplin. (Bild: Ines Bentz)

Mit der Gründung des ersten Frauenfußballvereins, dem 1. DDFC Frankfurt entstand in den 1930er Jahren auch gleich das erste Problem. Es gab keinen zweiten Club in Deutschland, gegen den die Mannschaft hätte spielen können. So mussten die 40 Mitglieder des Vereins zwangsläufig gegeneinander spielen. Es folgten noch weitere Probleme, die sich nicht so einfach beheben ließen. Die Pioniere des Frauenfußballs wurden alles andere als gut behandelt: „Die Zuschauer haben sogar Steine nach uns geworfen. So konnte man gar nicht spielen, da musste man aufhören und weinen“, sagte die 2002 verstorbene Lotte Specht. Sie war die Gründerin des ersten Damen-Fußball-Clubs Frankfurt, der sich nach nur einem Jahr wieder auflösen musste. Nur wenige Jahre später folgte die offizielle Demütigung durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB), der den Frauenfußball als „mit der Würde und dem Wesen der Frau unvereinbar“ beschrieb.

Der früher verspottete und verbotene „Damen“-Fußball hat sich inzwischen zu einem professionellen Frauenfußball mit athletischen und taktisch gut geschulten Spielerinnen entwickelt. Heute spielen mehr als eine Million Mädchen und Frauen in Deutschland in einem Verein Fußball. Über Jahrzehnte haben sich die Sportlerinnen Respekt erspielt, haben Widerstände und Klischees überwunden. Es gibt inzwischen Spielerinnen, die vom Fußball leben können und teure Werbeverträge haben. Als die Nationalspielerinnen 1989 zum ersten Mal den EM-Titel gewannen, dürfen sie als Amateure noch keine Geldprämie vom DFB bekommen. Stattdessen gab es ein 40-teiliges Kaffeeservice der Firma Villeroy und Boch. Die Tassen waren mit blauen und gelben Blümchen verziert. Wie sich der Frauenfußball in den letzten 20 Jahren verändert hat, kann man also auch an den Prämien erkennen. Nach der EM 2012 in Schweden erhielt jede Spielerin der Nationalmannschaft eine Siegprämie von 22.500 Euro.

Aus Sicht der Fußballspielerinnen, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts lebten, wird heute vermutlich auf hohem Niveau gejammert. Diese besaßen wahrscheinlich weder ein so hochwertiges Kaffeeservice, noch hatten sie die Möglichkeit, richtig Fußball zu spielen. Auf dem Bundestag des DFB im Jahre 1955 wurde einstimmig beschlossen, dass es Vereinen nicht gestattet sei, „Damenfußball-Abteilungen zu gründen oder Damenfußball-Abteilungen bei sich aufzunehmen“. Wenn dies nicht eingehalten wurde, konnte es schnell passieren, dass sich sogar die Polizei einschaltete und die Spielerinnen vom Platz scheuchte. Auch dem 1. DDFC Frankfurt ging es gelegentlich so und sie mussten das Fußballspielen abbrechen.

Bild: Ines Bentz

Die Entwicklung des Frauenfußballs ist noch nicht zu Ende. (Bild: Ines Bentz)

Trotz des Verbots organisierten sich immer mehr Vereine und Auswahlmannschaften im Hintergrund, und es wurden sogar inoffizielle Länderspiele ausgetragen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis der DFB zur Einsicht kam und den Spielbetrieb für Frauenfußball offiziell erlaubte. Aber nur mit abgewandelten Regeln, die laut DFB für Frauen angemessen waren. Die Spielzeit war kürzer, Stollenschuhe waren verboten, der Ball musste kleiner und leichter sein, und die Schutzhand beim Stoppen des Balls mit der Brust war ausdrücklich vorgeschrieben. Außerdem sollten die Damen nur bei schönem Wetter spielen und bekamen daher eine halbjährige Winterpause verordnet. Obwohl das Verbot des Frauenfußballs vordergründig aufgehoben wurde, gab es auf dem Rasen noch keine Gleichberechtigung.
„Die Frauen haben keine eigenen Regeln nötig! Es wurde medizinisch nachgewiesen, dass die Belastung des normalen Fußballbetriebs für Frauen zumutbar ist“, sagt Hannelore Ratzeburg, Vizepräsidentin des Deutschen-Fußball-Bunds. Die Hamburgerin setzt sich seit Jahrzehnten – als Spielerin, Trainerin und Funktionärin – für die Förderung des Frauenfußballs in Deutschland ein. In den 1970er Jahren, als Fußball noch reine Männersache war, begann Hannelore Ratzeburg zu spielen. „Es gab niemanden, der sich um den Frauen- und Mädchenfußball gekümmert hat. Also haben wir uns in einer kleinen Gruppe zusammengeschlossen und uns selbst gekümmert“, erzählt Ratzeburg von ihrer Anfangszeit.

Ab den 1970er Jahren ging es bergauf mit dem Frauenfußball. Bisher hatte man im Fernsehen höchstens belustigende Berichte und verunglimpfte Bilder des Frauenfußballs gesehen. Als 1974 Bärbel Wohlleben des TuS Wörrstadt als erste Frau Torschützin des Monats bei der ARD-Sportschau wurde, schien es in den Köpfen angekommen zu sein, dass auch Frauen ganz normal Fußball spielen können. Danach ging es rasch voran. Der DFB-Pokal und die Bundesliga wurden eingeführt, und es konnten offizielle Europa- und Weltmeisterschaften ausgerichtet werden.

„Der Frauenfußball steht heute an der Schwelle zum Profitum“, sagt Doris Fitschen. Die Managerin der Frauennationalmannschaft hat selbst das Kaffeeservice von `89 im Schrank stehen. Doch nicht nur die Prämien haben sich verändert, auch das von ihr mit verantwortete Umfeld der Nationalmannschaft ist professioneller geworden. Während sich die Spielerinnen früher selbst organisieren mussten, stehen heute eine Reihe von Helfern, Trainern und Ärzten dem Team zur Verfügung. „Davon haben wir als Spielerinnen nur geträumt“, sagt die 42-jährige Fitschen. Ob die Zuschauerzahlen und die Prämien irgendwann mit dem Profifußball der Männer vergleichbar sein werden, lässt sich heute noch nicht sagen. Fest steht aber, dass die Entwicklung des Frauenfußballs noch nicht zu Ende ist und man gespannt sein kann, wo sie noch hinführt.

Wenigstens die Werbung auf den Trikots wird den Frauen inzwischen gestattet. Mit den weiblichen Rundungen hatte der DFB noch lange Probleme. 1986 untersagte er den Frauen die Trikotwerbung. Man sei aufgrund „der Verzerrung durch die Anatomie“ zu dem Entschluss gekommen, dass durch Werbung im Brustbereich keine neuen Einnahmequellen erschlossen werden können.

Lorena Schüle

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